Wenn die Mutter stirbt

Ich tu mich einfach leichter, für die da zu sein, die gehen. Als ehrenamtlicher Hospizbegleiter steige ich am Epilog des Lebenslaufs eines Menschen mit der Gewissheit ein, dass dieser Mensch in absehbarer Zeit sterben wird und nach seinem Tod meine Begleitung zu Ende geht. So wird mir die Entscheidung über das Ende meiner Begleitung vom Tod abgenommen.

Somit „hilft“ mir der Tod, es wird leichter für mich. Aber, was mache ich mit denen, die bleiben? Bei einer meiner letzten ehrenamtlichen Tätigkeiten wurde ich zu einer Begleitung von zwei Buben mit 12 und 14 Jahren und deren Vater gerufen. Ihre Mutter hatte Brustkrebs. Nach drei Monaten, in denen ich die Familie wöchentliche besuchte, starb die Mutter zu Hause.

Was beschäftigt die beiden Buben, wenn sie das Sterben ihrer Mutter hautnah miterleben?

Weit geöffnet habe ich meine inneren Fenster und Türen schon am Beginn dieser Begleitung, um das zuzulassen, was ist und mir in dieser Familie begegnen wird. Was beschäftigt jetzt die – ich sage gerne – beiden jungen Männer, wenn sie hautnah, Tür an Tür, Tag für Tag das Sterben ihrer Mutter miterleben?

Sie führen mich in eine neue Welt, in ihre Welt. Ich lasse mich darauf ein, bewerte nicht, verändere nicht, lasse Vertrauen und Beziehung entstehen und erwarte nichts – immer mit der inneren Gewissheit: Es kommt der Zeitpunkt, auch aus dieser Begleitung wieder auszusteigen.

Unter anderem das nächste Level im Computerspiel

Wenn ich über meine Begleitung spreche, höre ich immer wieder den Satz: „… oh, die armen Buben …!“ In keinem Moment empfand ich es so und frage mich, ob ich eigentlich gänzlich empathielos bin oder wie abgebrüht ich denn schon wäre. Warum war das so? Weil ich zwei Buben mit ganz normalen Alltagsthemen erlebte: Schule, Hausaufgaben, wann treffe ich welchen Freund? Was mache ich am Wochenende? Ich will unbedingt das nächste Level im Computerspiel erreichen, ich brauche eine neue Turnhose. Erste Liebe. Warum muss ich schon wieder mein Zimmer aufräumen?

Sie sind nicht nur arm, ich erlebe auch Reichtum

Und ein Punkt – nicht unwesentlich, aber eben nur ein Punkt ihrer Alltagsthemen ist die Krebserkrankung ihrer Mutter. Selbstverständlich ist es total anders, aber sie sind nicht nur arm. Ich spüre so viel Reichtum: Ich spüre so viel Selbstverständlichkeit an Geduld und Mitgefühl, die sie ihrer Mutter entgegenbringen. Sie haben sich als Familie entschlossen, den Wunsch der Mutter, zu Hause sterben zu können, zu erfüllen. Obwohl es für die beiden mit Sicherheit nicht einfach ist, jedes Mal, wenn sie aus ihrem Kinderzimmer herausgehen und durch den Türspalt ins Elternzimmer blicken, ihrer Mutter beim Sterben zuzusehen.

Ehrlichkeit, Wahrheit, Weisheit und Liebe

Obwohl der unangenehme Geruch durch die Erkrankung der Mutter durch ätherische Öle oder Räucherstäbchen nicht übertüncht werden kann, spüre ich so viel Ehrlichkeit und Wahrheit. Deshalb geht der ältere Sohn nicht mehr in das Zimmer. Und er braucht sich nach einem Gespräch mit mir dafür keine Ausrede auszudenken, so in der Art: „Ich gehe deshalb nicht mehr in das Zimmer, weil ich eine Erkältung habe und meine Mutter nicht anstecken beziehungsweise gefährden möchte.“

Ich spüre so viel Weisheit und Liebe: Der Vater kommt ins Zimmer der Buben und sagt ihnen, dass es ihm leidtue, die Mama sei gerade verstorben, und der Sohn antwortet: „Aber Papa, das muss dir nicht leidtun, das sei ja nicht deine Schuld, dafür kannst du ja nichts.“

Wann soll ich wieder gehen?

Wann ist der Zeitpunkt, diese Begleitung zu beenden? Gibt es diesen richtigen Zeitpunkt überhaupt? Für wen passt er wann? Wer entscheidet über das Ende meiner Begleitung? In dieser Situation nicht der Tod!

Ich erinnere mich an den Grundgedanken bei meinen eigenen Kindern: Wenn sie klein sind, gib ihnen Wurzeln. Wenn sie groß sind, gib ihnen Flügel. Woche für Woche versuche ich ihnen zum Thema Sterben, Tod und Trauer ein Stück Wurzeln und gleichzeitig Flügel zu schenken. In so kurzer Zeit, ist das überhaupt möglich? Sind sechs Monate genug? Welche Zeit ist angemessen? Nicht der Tod entscheidet über das Ende dieser Begleitung, jetzt ist es meine Aufgabe zu entscheiden. Wann sind sie flügge geworden? Wann kann ich sie in die Eigenverantwortung entlassen?

Und dann entscheiden doch die beiden jungen Männer selbst

Denn das „Kind“ hat einen Namen bekommen: das Sterben, den Tod, die Trauer. Das Erleben wurde beim Namen genannt. So kann es wachsen, sich entwickeln, laufen lernen, erinnert und wertgeschätzt erwachsen werden.

Es bleibt die Lücke, es bleibt der Schmerz, es bleibt die Trauer und es bleibt die Liebe. Ich spüre, dass es Zeit ist, meine Begleitung zu beenden. Langsam meine Fensterläden und Türen wieder zu schließen. Jede Begleitung ist Beziehung, jedes Ende einer Begleitung ein Abschied. Und jedem Abschied wohne ein Trauern inne. Das tut weh.

Für die, die bleiben.

Klaus Kuppelwieser, ehrenamtlicher Hospizbegleiter Hospizteam Wörgl/Kinderhospizteam

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