Vom eigenen Schmerz zum Mitgefühl. Eine Reise zu mir und zu dir

Die Schweizerin Maria Köchli-Moolenaar folgte mit Mitte 60 einem inneren Ruf, den sie nicht mehr ignorieren konnte. Ihre innere Stimme führte sie nach Tirol und zum Dienst im Hospizcafé im Hospizhaus in Hall. Im Gespräch mit Maria Streli-Wolf erzählt sie von ihrer Bestimmung und ihrer Arbeit im Hospizhaus.

Gab es ein besonderes Erlebnis in deinem Leben, das dich zur Hospizbegleitung geführt hat?

Mich hat der Mensch an und für sich schon immer interessiert. Ich kam schon früh mit Todesfällen in Berührung, und so war ich für dieses Thema schon lange sensibilisiert. Der erste Todesfall war mein Patenkind, das mit Mehrfachbehinderungen zur Welt kam und nur sieben Tage gelebt hat. Dann war die Geburt unseres Sohnes, bei dem es in den ersten zehn Tagen nicht sicher war, ob er überlebt. Er hat überlebt mit unterschiedlichen Beeinträchtigungen, und so war sein Großwerden sehr aufwendig und herausfordernd. In dieser Zeit starb dann noch der Bruder von meinem bereits verstorbenen Patenkind mit sieben Monaten. Ich habe die Angehörigen damals mehr intuitiv begleitet, weil ich vor 40 Jahren noch keinerlei Aus- oder Weiterbildungen in diesem Bereich hatte. Die Eltern dieser beiden Kinder haben mir später gesagt, wie wichtig es für sie war, dass ich sie quasi an der Hand genommen und gemeinsam mit ihnen durch diese schwere Zeit gegangen bin, dass ich geblieben bin und mich nicht von ihrem Leid habe „vertreiben“ lassen. Immer wieder sind ja Menschen vom schweren Schicksal anderer überfordert.

Wie kam es, dass du deine Schritte ins Hospiz dann in Tirol gemacht hast und nicht in der Schweiz?

Nach einer schweren persönlichen Krise, in der ich zeitweise nicht mehr leben wollte, entschied ich mich für ein freiwilliges Ordensjahr. Die Koordinatorin fragte mich, ob ich zum einen bereit wäre, ins Ausland zu gehen, und ob ich zum anderen Hospizarbeit machen wolle. Nachdem ich in Luzern schon ein Seminar zur Begleitung in der letzten Lebensphase besucht hatte, war dieser Weg für mich ein willkommenes Geschenk. So kam ich Ende Januar 2025 für ein halbes Jahr zu den Tertiarschwestern nach Hall. Ich hatte im September 2024 den ersten Kontakt hier im Hospizcafé in Hall. Anfang Februar 2025 hatte ich dann die ersten Tage Dienst. Schon kurze Zeit später konnte ich auch beim Angehörigencafé im Haus mit dabei sein.

Welche Erfahrungen konntest du hier machen, hattest du besondere Erlebnisse, die dir in Erinnerung sind?

Spannend war, dass ich zu den Angehörigen leicht Zugang finden konnte und sich erstaunlich schnell sehr gute und auch tiefe Gespräche entwickelt haben. Ein anderes Mal war ein Mann im Angehörigencafé zu Gast, der sagte, dass er im Moment nicht reden wolle. Ich habe gemerkt, dass ich das gut aushalten kann, weil ja auch ich nicht immer Lust habe oder bereit bin zu reden. Ein anderes Mal war eine Frau da, mit der ich mich von Anfang an wortlos verstanden habe. Als sie zum zweiten Mal beim Angehörigencafé da war, hatte ich das Gefühl, dass sie etwas braucht. Ich habe ihr meine Hand angeboten – meine Hand unter ihre gelegt. Sie hat meine Hand sofort ganz fest genommen und nachher meinte sie, dass sie das so berührt habe, sie zugleich glücklich und traurig gemacht habe. Es erinnerte sie an die Berührung durch die Hand ihres Mannes – aber auch zu spüren, es ist jemand da, die mir die Hand reicht. Eine schöne Erfahrung war auch die Lesung, die ich hier im Hospizcafé aus meinem Buch machen durfte. Die Gespräche im Anschluss waren sehr wertvolle und ehrliche Begegnungen.

Derzeit besuchst du den Lehrgang Hospizorientierte Lebens-, Sterbe- und Trauerbegleitung und Palliative Care hier in Tirol. Inwiefern eröffnet sich dir dadurch Neues?

Pflegerische und medizinische Themen, wie beispielsweise Informationen zur Schmerztherapie, sind für mich ganz neu. Sehr wichtig ist für mich die Selbstreflexion. Dass man immer auch bei sich selbst schaut, was würde ich brauchen, wenn ich krank oder sterbend wäre? In einer Übung, in der es darum ging, an Angehörige einen Brief zu schreiben, falls man eine Operation nicht überleben würde, bekamen wir eine tiefgehende Aufgabe gestellt: Wie schreibe ich wem und was?

Vor einigen Jahren schon, als ich selber nicht mehr leben wollte, schrieb ich schon einen Abschiedsbrief. Bei dieser Übung kamen einige Gefühle wieder hoch, das hat mich erstaunt, aber es war auch gut, dass ich sie schreibend nochmals ausdrücken konnte. In der Reflexion dieser Übung bemerkte ich, dass ich meine Patientenverfügung bezüglich des Ortes meines Grabes ändern möchte. Wie tief diese Übung gegangen ist, erstaunt mich immer noch.

Welche Eigenschaften müssen Hospizbegleiter*innen unbedingt mitbringen? Was ist aus deiner Sicht unerlässlich für einen Hospizdienst?

Unerlässlich ist für mich, sich selber zu kennen, die eigenen und die Grenzen anderer wahrzunehmen und auch darauf zu reagieren. Zeit, Empathie, das ist das Fundament, das A und O für diesen Dienst. Für mich ist auch wichtig, dass ich, wenn die Chemie zwischen mir und meinem Gegenüber nicht stimmt, auch sagen darf und eigentlich muss, dass diese Begleitung für mich nicht geht. Auf die Frage, was ich Begleitpersonen gerne mitgeben möchte, würde ich Folgendes sagen: Wer nicht in die Stille geht, verpasst viel von sich selbst. Ich bin davon überzeugt, dass wir nur in der Stille hören, fühlen, spüren, erahnen, welche Talente in uns noch wachsen möchten und dann – wenn wir es zulassen – vielleicht zu Berufungen führen.

Ab Januar wird Maria Köchli wieder ein halbes Jahr bei den Tertiarschwestern in Hall verbringen, um zu prüfen, ob ihre Berufung, in Tirol zu bleiben, weiterhin Bestand hat.

Buchtipp: Maria Köchli-Moolenaar, Gedankenspiele und Gebetsperlen, erschienen im November 2024

Lesungen auf YouTube unter „Maria Köchli“ oder https://youtu.be/RB9YHgJH058?si=AbOhXr4FIfmgPFaE

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