Bitte (nicht) berühren – das geht unter die Haut!

19. Mai 2020 | von

„Die Sehnsucht nach Berührung und körperlicher Nähe zeigt uns, wie sehr wir trotz Streben nach Selbstverwirklichung und Freiheit aufeinander angewiesen sind.“ Christine Haas-Schranzhofer, Pflegedirektorin Tiroler Hospiz-Gemeinschaft

Berührung geht unter die Haut. Sie ist das Bindeglied zwischen Außenwelt und Innenwelt. Berührung wirkt wie ein zwischenmenschlicher „Kleber“. Ob als vertrauliche Verbindung zwischen Eltern und Kindern, Familien, Liebenden und Paaren oder in der Beziehung von Freunden, Verwandten und Bekannten – wir berühren uns öfter, als uns bewusst ist: Sich zur Begrüßung die Hand zu reichen oder – wie meine Söhne – die Faust zur Faust, weil das viel cooler ist, ein aufmunterndes Schulterklopfen, eine tröstende Umarmung oder auch ein flüchtiges Berühren – all diese scheinbar banalen Gesten zeigen uns, dass wir dazugehören, miteinander verbunden und somit „mitten im Leben“ sind.

Niemand greift mich an – als wäre ich aussätzig

Vor Jahren sagte eine Patientin zu mir: „Ich komme nirgends mehr hin und zu mir kommt auch keiner. Niemand greift mich an – und wenn, dann nur mit Handschuhen! Es ist, als wäre ich aussätzig, dabei hab’ ich doch nur Krebs!“ Diese Frau drückte aus, wie es vielen Menschen geht. Sie und nach ihr noch viele andere Patient*innen lehrten mich, wie wichtig der Kontakt zueinander in all seinen verschiedenen Formen und Facetten ist. Daher wollte ich meinen Sonnenblumen-Beitrag diesem Thema widmen. Ich wollte erklären, wie rasch wir Menschen uns ausgeschlossen und einsam fühlen, selbst wenn wir „nur“ auf diese scheinbar unnötigen Alltäglichkeiten verzichten müssen

Auf Dauer ist digitaler Kontakt kein Ersatz

Doch das Coronavirus bzw. seine Auswirkungen sind mir zuvorgekommen. Drastisch spüren wir alle, wie schwierig es ist, „auf Abstand“ zu leben. Sich auf SkypeSessions, Telefonate, E-Mails oder sonstige, oft sehr kreative Zeichen der Solidarität zu beschränken, ist derzeit äußerst sinnvoll und notwendig. Dauerhaft können sie den direkten Kontakt jedoch nicht ersetzen.
Denn wir alle möchten Freunde treffen, unbeschwert einkaufen gehen, bummeln, ins Theater, ins Kino und sogar in die Schule gehen, ein Hochzeitsfest mit vielen Gästen feiern oder jemandem bei einer Beerdigung die letzte Ehre erweisen. All das sind zutiefst menschliche Bedürfnisse. Sie geben Halt und bilden ein Fundament für den Zusammenhalt unserer sozialen Gemeinschaft.
Sie sind ein sehr bedeutsamer Teil unseres gesunden Lebens. Sie zeigen uns, wie sehr wir Menschen trotz Streben nach Selbstverwirklichung und Freiheit dennoch aufeinander angewiesen sind.

Sich be-hand-eln (lassen)

Sobald die Einschränkungen durch Covid-19 aufgehoben sind, können wir uns wieder so viel und so oft begegnen, wie wir wollen. Zumindest die meisten von uns Gesunden. Schwer kranke Menschen haben generell oft nur wenige Außenkontakte, daher fehlen ihnen viele dieser „banalen“ Alltagsrituale. Wenn alles weh tut, wenn Übelkeit und sonstige Symptome oder ein verändertes Körperbild (Gewichtsverlust, Wunden) alle Kräfte rauben, dann ist es verständlich, dass sich sogar vertrauliche Berührungen auf ein Minimum reduzieren. Die Patient*innen selbst sind dazu oft nicht mehr in der Lage, An- und Zugehörige halten sich aus Vorsicht, Rücksicht und Respekt zurück. Nicht selten entsteht dadurch ein Gefühl der Leere, ja sogar der Minderwertigkeit bei allen Beteiligten.

Gerade dann braucht es Mut, jemanden zu berühren oder selbst berührt zu werden, dabei ist es ein gutes Mittel, miteinander in Kontakt zu kommen. Wir sollten uns trauen, uns anzufassen, zu fühlen und zu spüren, uns zu behandeln. Einreibungen, Massagen oder sonstiger Hautkontakt drücken unsere Empathie aus. Wenn wir uns mit Anteilnahme, Aufmerksamkeit und Gegenwärtigkeit berühren, so begreifen wir uns.

Berührung stimuliert Wachstum

Der sensorische Sinn umfasst die gesamte, knapp zwei Quadratmeter große Haut mit ihren vielen Millionen feinen Nerven und Rezeptoren. Diese senden laufend wesentlich mehr Informationen an das Gehirn als Augen oder Ohren. Durch Anfassen, Fühlen oder Tasten wird eine Kaskade biochemischer und neurophysiologischer Prozesse ausgelöst. Die Haut bildet also neben dem physikalischen Schutzmantel auch die Schnittstelle zwischen Immunsystem, Nerven und Psyche.

Dies beginnt schon lange vor unserer Geburt. Bereits in der sechsten Schwangerschaftswoche reagiert ein Ungeborenes auf Berührung, es wird dadurch zum Wachstum stimuliert. Anders als bei den anderen Sinnesorganen ist ein Leben ohne Tastsinn nicht möglich, bisher ist noch kein Mensch ohne Tastsinn geboren worden. Ebenso ist es nicht denkbar, ohne diesen zu sterben. Berührungen sind somit überlebenswichtig.

Ohne ein adäquates Maß an Kontaktaufnahme gibt es kein neuronales oder körperlich-zelluläres Wachstum. Sind die Berührungen angenehm, kommt es zusätzlich noch zur Ausschüttung von Botenstoffen, die das Wohlbefinden stärken (zum Beispiel die „Glückshormone“ (Dopamin und Serotonin). Zudem wird das Hormon Oxytocin freigesetzt, das ein Bindungsgefühl zwischen den sich berührenden Menschen bewirkt.

Durch den Tastsinn sind wir am längsten erreichbar

Der Mensch ist ein Beziehungswesen. Das bedeutet, er kann für sich allein nicht existieren. Zuwendung und Berührung sind daher für uns alle essenziell. Der Tastsinn gehört somit zu den elementarsten Sinneseindrücken, er ist bei uns Menschen nicht nur sehr früh entwickelt, wir sind durch ihn auch am längsten erreichbar, selbst wenn die Wahrnehmung stark beeinträchtigt ist. Die für schwer kranke und sterbende Menschen so wichtige Schutzerfahrung, ein Halt- und Geborgenheitsgefühl, kann durch Berührung relativ „einfach“ und direkt von Mensch zu Mensch vermittelt werden. Eine spezielle Ausbildung ist dafür nicht nötig. Achtsamkeit, Empathie und die Bereitschaft, andere zu berühren und sich auf sie einzulassen, reichen vollkommen aus. Zusätzlich zu den taktil-haptischen Berührungen können wir die vielfältigen anderen Möglichkeiten nutzen, miteinander in Kontakt zu treten.

Es muss nicht immer durch die Haut gehen, damit es unter die Haut geht! Wir Menschen spüren es, wenn uns jemand ansieht, wenn jemand „da“ ist oder an uns denkt – dafür muss er/sie nicht immer im selben Raum sein. Vielleicht hat uns Corona auf Ideen gebracht, die wir nun auch unabhängig davon anwenden können. Nutzen wir die vielen Möglichkeiten!

Christine Haas-Schranzhofer, Pflegedirektorin Tiroler Hospiz-Gemeinschaft

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