Cappuccino mit Herz – Ein Sonntag auf der Hospiz-Palliativstation

23. August 2018 | von

„Ich wünsche Ihnen einen guten Sonntag“, sage ich zu Frau S. Sie liegt in ihrem Zimmer auf der Hospiz- und Palliativstation. Mit einem Ruck richtet sie sich auf. „Heute ist Sonntag? Wie schön!“, sagt sie und mit Blick auf den Uhrzeiger, der schon 9.30 Uhr anzeigt, spricht sie weiter: „Wissen Sie, wenn man so liegt, bekommt man nicht mit, welcher Wochentag gerade ist. Sonntags darf man eh länger schlafen.“ Von der Küche her riecht es nach frischem Brot. Martina, die am Sonntag in der Früh ihren ehrenamtlichen Dienst macht, bringt Frau S. das Frühstück: ein frisch gekochtes Ei, Kaffee, Semmel mit Butter und Marmelade. „Wie daheim und dazu noch bedient“, sagt Frau S.

Im Nachbarzimmer wartet Frau L. auf mich. Sie hat mich schon Freitagabend gebeten, am Sonntag zu kommen. „Seit ich nicht mehr in die Kirche komme, höre ich schon seit Jahren die Sonntagsmesse im Radio an. Bitte schalten sie mir ein.“ Ich bleibe eine Weile bei ihr. Wir machen aus, dass ich ihr gegen Ende der Radiomesse die heilige Kommunion bringe.

Auf der Wanderung zum letzten Gipfel

In der Raucherecke der Hospiz-Palliativstation sitzt Herr M. Genüsslich raucht er seine Zigarette. Wir schauen durchs Fenster hinauf zu den Bergen: „Auf vielen dieser Bergspitzen bin ich gewesen“, meint er. Wir suchen nach den Namen der einzelnen Berge. „Seit ich diese Scheißkrankheit habe, kann ich die Berge nur mehr von unten anschauen“, sagt er und setzt fort: „Jetzt bin ich mitten in der Wanderung zum letzten Berggipfel meines Lebens.“ Welches Wetter er sich für oben wünsche, frage ich ihn und er antwortet: „Ich hoffe auf blauen Himmel und eine klare, weite Aussicht.“

Gemeinsam essen, musizieren

Von der Hospizküche höre ich schon das Geschirr klappern. Es riecht nach Zwiebeln. Martina kocht. Ich helfe ihr, den Tisch zu decken: neun Teller, Messer, Gabeln, bunte Servietten. Sonntags essen alle, die Dienst haben, gemeinsam: Ärztin, Pflegekräfte, Praktikantin, ehrenamtliche Mitarbeiterin, Seelsorger. Wer von den Patientinnen und Patienten möchte, gesellt sich zu unserem Sonntagstisch. Wer lieber im eigenen Zimmer bleibt, bekommt sein Essen dorthin serviert. „Welche Gewürze sind im Sugo?“, wird Martina gefragt. „Da ist ein bisschen Curry drinnen und Ingwer“, sagt sie. Kaum ist der erste Teller leer, ist der gemeinsame Kaffee angesagt. Viele wollen Cappuccino, und sonntags einen besonderen: Cappuccino mit Herz. Ich suche nach dem Kakaogefäß mit dem Schablonenherz. „Den Kuchen haben Angehörige vom Zimmer 7 am Vormittag für uns vorbeigebracht. Lasst ihn euch schmecken“, sagt Monika.

Christa, die Schwester vom Mobilen Hospiz- und Palliativteam, stößt zu unserer Runde. Sie muss für einen Patienten, der zu Hause betreut wird, auf der Station die Schmerzpumpe füllen. Ich hole die Gitarre aus dem Kasten. Heute ist ein musikalisches Team da. Wir singen „Gern haben tuat guat“ – mehrstimmig, versteht sich. Herr G., Patient auf Zimmer 4, hört uns singen und kommt aus seinem Zimmer. Herr G. war einst Musiker und nimmt selbst die Gitarre zur Hand: „Habt Ehrfurcht vor den alten Leuten“, so der Tenor seines Liedes.

Auch der Tod gehört zum Sonntag

Unser Sonntagstisch löst sich langsam auf. Es wird aufgeräumt.

Ich werde in den anderen Teil des Hospizes gerufen. Herr Z. ist gestorben. Die Ehefrau erzählt, wie es ihr geht: „Der Kopf sagt, er ist erlöst. Aber das Herz tut schrecklich weh.“ Ich bin für die Ehefrau in den nächsten Stunden da. Ich höre zu, schweige. Gegen 15 Uhr halten wir im Familienkreis eine Verabschiedungsfeier im Zimmer von Herrn Z. ab. Wir erzählen aus seinem Leben, segnen seinen Körper, öffnen das Fenster und lassen seine Seele gehen. Auch der Tod gehört zum Sonntag. In Stunden wie diesen liegen einmal mehr Leben und Tod, Lachen und Weinen, Reden und Schweigen dicht beieinander.

In mir klingt nach, was wir am Tisch gesungen haben: „Aber die Liab’ bleibt bestehen.“ Mich stärkt der Glaube, dass der Tod letztlich eine Geburt in ein neues Leben ist. Mich stärkt unser Sonntagstisch und – ich gebe es offen zu – auch der Cappuccino mit Herz.

Christian Sint, Seelsorger auf der Hospiz- und Palliativstation

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Foto: Tiroler Hospiz-Gemeinschaft / Gerhard Berger

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