Gedenkfeier und Öffnung des TrauerRaums Innsbruck

4. November 2021 | von

Im Rahmen der Gedenkfeier der Tiroler Hospiz-Gemeinschaft am Donnerstag 28. Oktober 2021 in der Innsbrucker Jesuitenkirche wurde zum achten Mal der TrauerRaum in der Krypta eröffnet.

Herzlichen Dank an Maria Streli-Wolf, Leiterin der Kontaktstelle Trauer und Öffentlichkeitsarbeit, die seit über acht Jahren mit Mitarbeiter*innen und Hospizbegleiter*innen TrauerRäume in ganz Tirol organisiert. Die TrauerRäume sind Orte des Trostes für viele Menschen.

Eberhard Mehl, evangelischer Seelsorger im Hospizhaus, hielt bei der Gedenkfeier folgende Ansprache ausgehend von der Bibelstelle Markus 2, 1-4 + 10b-12.

Vier Freunde für ein Halleluja

Jesus kam nach Kafarnaum zurück, und bald wusste jeder, dass er wieder zu Hause war. Die Menschen strömten im Haus bei ihm so zahlreich zusammen, dass kein Platz mehr blieb, nicht einmal draußen vor der Tür.
Da brachten vier Männer einen Gelähmten herbei, aber sie kamen wegen der Menschenmenge nicht bis zu Jesus durch. Darum stiegen sie auf das flache Dach, gruben die Lehmdecke auf und beseitigten das Holzgeflecht, genau über der Stelle, wo Jesus war. Dann ließen sie den Gelähmten auf seiner Matte durch das Loch hinunter. Und Jesus sagte zu dem Gelähmten: „Steh auf, nimm deine Matte und geh nach Hause!“ Der Mann stand auf, nahm seine Matte und ging vor aller Augen weg.

Liebe Angehörige und Zugehörige, liebe Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Hospizbewegung!

Diese realistisch geschilderte Wundergeschichte erinnert mich an Begräbnisse, bei denen noch der Sarg von vier Männern an Seilen ins Grab hinabgelassen wurde. Heute scheuen sich viele vor diesem Augenblick, den Verstorbenen in die Erde zu versenken. Bei mir wird da immer dieses biblische Bild lebendig: ihn oder sie Jesus vor die Füße legen.

Vier Freunde sind es, die viel auf sich nehmen, um den Gelähmten bis zu Jesus zu bringen. Ich nenne sie „Vier Freunde für ein Halleluja!“ Sie haben einen Weg hinter sich, mühsam den gelähmten Freund auf der Matte hergetragen. Sicher haben sie es im Rücken gespürt. Die Arme sind ihnen lang geworden. Die einseitige Belastung. Die Schulter schmerzt. Zugleich die Sorge und die Angst um den Freund: wie geht’s mit ihm weiter? Was wird aus ihm? Wo ist er am besten aufgehoben? Und dann, kurz vor dem Ziel: alles verstopft vor lauter Menschen. Kein Platz für ihn. Noch eine letzte Kraftanstrengung, rauf auf’ s Flachdach, eine Öffnung schaffen und jetzt endlich das erlösende Ziel im Blick: Den Gelähmten Jesus vor die Füße legen. Jesus übernimmt ihn und schickt ihn mit seiner Matte auf seinen neuen Weg, den der jetzt ohne seine Freunde geht. Der vorher Gelähmte kann jetzt seinen neuen Weg selbständig gehen, ohne die Hilfe seiner Freunde. Die haben alles für ihn getan. Es ist gut so für alle Beteiligten.

Sie alle, die Sie hier sind und die vielen anderen, die einen sterbenden Angehörigen begleitet haben, Sie alle haben das in der einen oder anderen Variante erlebt. Sie alle sind solche „Freunde für ein Halleluja!“ Angehörige und alle Mitarbeitenden beim Hospiz.

Sie haben viel auf sich genommen, Ihre Angehörigen teilweise schon zuhause über kürzere oder längere Zeit auf ihrem Weg begleitet, gepflegt. Das kostet Kräfte. Körperliche und seelische Kräfte. Psychische Belastungen können so weit gehen, dass sie körperlich spürbar werden. Bei jeder macht sich das anders bemerkbar. Schmerzen und Leid des Angehörigen sehen und aushalten, das kostet Kraft. Wie und wo kann es mit ihm, mit ihr weitergehen?

Sie sind am Bett Ihrer Angehörigen gestanden, gesessen, waren da mit Ihrer Zeit mit Ihrer Kraft, mit Ihrer Beziehung, mit ihren Gefühlen, wie die „Vier Freunde“. Haben vielleicht innerlich schon getrauert, dass es nicht mehr so ist, wie es war. Und dass es auch nicht mehr so werden wird. Ihre Trauerarbeit hat schon begonnen. Das war gut so.

Eine letzte Kraftanstrengung: das Sterben. Beim einen rascher, als erwartet. Bei der anderen miterleben, wie die Atemzüge weniger und schwächer werden, aussetzen. Ein anderer wollte allein sterben, hat sich den Moment gesucht, wo keiner da war. Bei wieder anderen zieht es sich in die Länge. Für Angehörige, für „die Freunde“ fast nicht zu ertragen. Bis er, bis sie es geschafft hat, „abzureisen ins Paradies“ oder wohin auch immer unser Glaube, unsere Vorstellungen unsere Verstorbenen entlassen.

In unserer biblischen Geschichte geht der „geheilte“, vorher Gelähmte ohne die „Vier Freunde“ seinen eigenen, neuen Weg, auf den Jesus ihn schickt. Und die „Vier Freunde“ bleiben zurück. Sie haben getan, was sie konnten, gehen ihren Weg jetzt ohne ihn, vielleicht traurig und froh zugleich.

Bei unseren Verstorbenen sprechen wir oft von „Erlösung von ihrem Leiden“, also auch eine Art „Heilung“. Sie sind jetzt auf ihrem eigenen, neuen Weg, ohne uns. Und wir sind auf unserem Weg ohne sie. Diese Trennung macht uns zu schaffen. Sie ist Anlass für unsere Trauer.

Die „Vier Freunde“ aus der biblischen Geschichte haben im Dach eine Öffnung geschaffen. Sie gibt den Blick frei zum Himmel. Öffnungen sind immer gut.

Wenn wir heute unserer Verstorbenen gedenken, sie beim Namen genannt haben, dann öffnen wir gleichsam ein Dach nach oben, zu Gott, zum Göttlichen hin, wo unsere Verstorbenen aufgehoben, letztlich geborgen sind.
Gleichzeitig öffnen wir heute auch einen Raum nach unten hin, in die Krypta dieser Kirche, einen TrauerRaum zu dem wir hinuntersteigen müssen. Der TrauerRaum ermöglicht Trauer, er ermöglicht Leben, er ermöglicht Zukunft, wie auch immer sie aussehen mag für alle Beteiligten.

Christian Sint, Seelsorger

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