Schritt für Schritt

3. März 2021 | von

Zurzeit merken wir, wie der Zugang zu scheinbar gewohnten Dingen als größerer oder kleinerer Schritt bezeichnet wird: zur Schule gehen, das Öffnen der Gastronomie, Besuch von Kulturveranstaltungen, das Trainieren im Sportverein.

Von den Patient*innen des Hospiz kenne ich das auf eine ähnliche, doch andere Weise. Auch für sie ist die Fähigkeit, „normale“ Dinge tun zu können, manchmal ein großer Schritt in Richtung Besserung. Es gibt aber auch die Schritte auf dem Weg zur Akzeptanz einer Lebenssituation oder die Schritte des Abschiednehmens. Zum einen erinnert uns das Konzept „Schritt für Schritt“ daran: Konzentriere dich darauf, was du genau jetzt machst. Es nützt dir nun nicht, anderen Dingen nachzuhängen, denn jetzt bist du hier. Es motiviert mich, auch mit meinem Kopf und Herzen hier zu sein. Ich vertraue darauf, dass es für alles seine Zeit gibt und ich mich später wieder anderen Dingen widmen kann.

Zum anderen lässt mich die Frage nach dem nächsten Schritt darüber nachdenken, was ich genau jetzt machen kann. Um auf meinem Weg weiterzukommen, muss ich vielleicht manchmal Schritte machen, die langweilig, unangenehm oder anstrengend sind. Vielleicht kann ich nicht alles machen, was ich gerne tun würde, weil es zu viel wäre. Es geht darum, Prioritäten zu setzen und zu überlegen, was jetzt wichtig, möglich und sinnvoll ist.

Nicht jeder Weg ist ein „Spaziergang“, nicht jeder Weg fällt leicht. Mir persönlich fällt es aber leichter, wenn ich mich nicht mit dem Blick auf das Ganze überfordere. Ich darf meinen Weg
unterteilen und in machbaren Schritten gehen. Ich darf mich immer wieder darauf besinnen, was nun in diesem Moment gerade wichtig ist – vielleicht ist es auch manchmal ein Schritt, der rückwärts ist? Zu jedem Zeitpunkt wird wieder etwas anderes im Vordergrund stehen, es gibt Unterschiedliches zu entdecken, und dem darf ich mich widmen. Und es gibt auch schöne Schritte innerhalb des Weges, wenn etwas mühelos gelingt, ich ein Stück mit einer wertvollen Person gehen darf oder die Aussicht wunderbar ist. Auch das gehört zum Weg und ich kann mich darüber freuen. Ich darf es genießen und daraus Kraft für den nächsten Schritt mitnehmen.

Zum Thema „Schritt für Schritt“ ist mir eine Geschichte eingefallen, die ich schon lange kenne. In der Pandemie hat sie mich aber wieder neu inspiriert, genauer gesagt ein Teil davon. Es geht um „Die unendliche Geschichte“ und den Straßenkehrer Beppo, der seiner Freundin Momo sein Geheimnis verrät:

„Manchmal hat man eine sehr lange Straße vor sich. Man denkt, die ist so schrecklich lang; das kann man niemals schaffen, denkt man. Und dann fängt man an, sich zu eilen. Und man eilt sich immer mehr. Jedes Mal, wenn man aufblickt, sieht man, dass es gar nicht weniger wird, was noch vor einem liegt.

Und man strengt sich noch mehr an, man kriegt es mit der Angst zu tun und zum Schluss ist man ganz außer Puste und kann nicht mehr. Und die Straße liegt immer noch vor einem. So darf man es nicht machen. Man darf nie an die ganze Straße auf einmal denken, verstehst du? Man muss immer nur an den nächsten Schritt denken, an den nächsten Atemzug, an den nächsten
Besenstrich. Dann macht es Freude; das ist wichtig, dann macht man seine Sache gut. Und so soll es sein. Auf einmal merkt man, dass man Schritt für Schritt die ganze Straße gemacht hat. Man hat gar nicht gemerkt wie, und man ist nicht außer Puste. Das ist wichtig.“
(Michael Ende)

Lea Ströhle, Seelsorgerin
Fastenimpuls, am 03. März 2021

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