Dichtend musizieren im Kopf

16. Juli 2020 | von

Roland Jordan hat sein Leben lang die Sprache und die Musik geliebt. Vielleicht ist das der Grund, warum er trotz ALS noch sprechen konnte.

Als ich Roland Jordan zum ersten Mal sah, war er seit vier Tagen im Hospizhaus. Man sah ihm an, dass er schwer krank war. Ich fragte ihn, ob er, wie die meisten der Patient*innen im Hospizhaus, an Krebs erkrankt sei. „Nein“, meinte er, „ich habe ALS.“ Ich war verwundert. Patient*innen mit Amyotropher Lateralsklerose können im fortgeschrittenen Stadium der Erkrankung meist nicht mehr sprechen. ALS ist eine unheilbare Nervenerkrankung, bei der im Laufe der Erkrankung alle Muskeln, also auch die Stimmbänder, gelähmt werden.

Roland Jordans Stimme war aber kräftig und lebendig. Ich drückte meine Verwunderung aus und fragte, wie er sich erklären könne, dass seine Stimmbänder immer noch so gut funktionierten. „Wissen sie“, meinte er, „meine großen Leidenschaften sind die Musik und das Dichten. Ich habe meine Stimme ein Leben lang trainiert, und das wird wohl auch der Grund sein, warum ich, Gott sei Dank, noch sprechen kann.“

Der Rollstuhl schreckte ihn wenig

Dass irgendetwas nicht stimmte, bemerkte er beim Zitherspielen. „Meine Finger haben einfach nicht mehr getan, wie ich wollte.“ Dies war der erste Hinweis, dass Roland Jordan an ALS erkrankt war. Im Gegensatz zu vielen anderen Menschen war für ihn die Tatsache, nicht mehr gehen zu können, wenig erschreckend. „Um ehrlich zu sein, ist es mir egal, dass ich im Rollstuhl bin. Schlimmer ist, dass ich meine geliebte Zither nicht mehr spielen kann. Damit wurde viel von meinem Leben genommen. Was bleibt, ist die Erinnerung und die Freude, dass meine Tochter meine Leidenschaft weiterlebt.“ Musischer Ersatz war für ihn das Dichten. „Ich schreibe und tüftle an meinen Gedichten im Kopf so lange, bis ich sie meiner Frau diktieren kann.“

Weint um mich, doch nur mit Freudentränen.
Denn ich will euch fröhlich einst begegnen.
Weiße Rosen soll es reichlich regnen
Auf verborgne Teiche und Fontänen.

Seid ihr Schwalben oder Raben?
Helferinnen? Dienerinnen? Sagenelfen? Königinnen?
Ja, ihr bringt mir stets das Beste.
Aus den Tennen meiner Gäste.

Roland Jordan ist am 14. Januar 2020 verstorben.

 

Maria Streli-Wolf, Öffentlichkeitsarbeit und Trauerbegleiterin

 

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