Neu leben lernen

14. Mai 2019 | von

Rosalinde Seelos lebte mit ihrer Querschnittlähmung gerne und gut. Im September 2018 bekam sie Unterleibskrebs und kam zum Sterben ins Hospiz.

Zimmer 12 auf der Palliativstation im Hospizhaus Tirol. Ich öffne die Türe einen kleinen Spalt und sehe unter einer dicken Daunendecke mit rot-weiß kariertem Bezug eine zarte Frau im Bett liegen. „Kommen Sie herein“, meint Rosalinde Seelos und strahlt mich an. Ich nehme mir einen Stuhl, setze mich zu ihr ans Bett und reiche ihr die Hand. „Sag bitte Rosalinde zu mir“, meint sie fröhlich, „und du kannst mich alles fragen, was du von mir wissen möchtest.“ Diese Einladung nehme ich gerne an. Also fange ich ganz vorne an. Wie war das, als sie nach dem Autounfall vor 33 Jahren nach drei Monaten aus dem Koma erwachte und bemerkte, dass sie ihre Beine nicht mehr bewegen konnte?

Große Verzweiflung und kleine Lichtblicke

„Zuerst wollte ich es einfach nicht wahrhaben. Ich habe diese niederschmetternde Tatsache, wahrscheinlich aus Selbstschutz, völlig verdrängt. Irgendwann, als meine Tante zu Besuch kam und ihren Blick auf meine Beine richtete, wusste ich, was los war.“ Fast ein Jahr lang war sie in der Klinik und auf Reha in Bad Häring. Eine Zeit großer Verzweiflung, aber auch kleiner Lichtblicke. „Zum Glück“, meint sie nachdenklich, „haben die hellen Momente irgendwann ‚die Oberhand gewonnen‘ und ich habe mich entschieden, aus meinem Schicksal etwas Sinnvolles zu machen.“ Sie zog mit ihrem Rolli in ein barrierefreies Haus in Nassereith – als Alleinerzieherin gemeinsam mit ihrer vierjährigen Tochter Jasmin. „Jasmin war immer schon aufgeweckt. Ein keckes Mädl. Natürlich musste sie früh selbstständig werden und meinte schon als Fünfjährige, dass sie mich, wenn ich einmal aus dem Rolli stürzen würde, ganz alleine wieder in meinen Rollstuhl hineinsetzen könne – was sie natürlich nicht konnte“, meint Rosalinde schmunzelnd.

„Da waren mir die Würstel dann ‚wurscht‘“

„Einmal war ich vormittags alleine zu Hause und hatte ein Paar Frankfurter Würstel am Herd, während ich mit meinem Rolli losfuhr, um hinter dem Haus ein paar Holzscheite für den Ofen zu holen. Weil ich nicht wollte, dass die Würstel platzen, bin ich viel zu schnell mit meinem Rolli auf die Terrassentür zugesaust, gegen den Türrahmen geprallt und mit meinem Rolli umgestürzt. Am Boden liegend, musste ich mich mit meinen Armen zum Handy ziehen und meinen Bruder um Hilfe bitten. Die Würstel waren mir dann wirklich ‚wurscht‘“, lacht sie vergnügt.

Geschenkte Zeit

Der Unfall, so kann sie es heute sehen, habe ihr nicht nur Lebensqualität genommen. Er habe ihr auch etwas Kostbares geschenkt, nämlich Zeit, die sie sonst nicht gehabt hätte. Zeit für sich, Zeit zum Lesen und Zeit sich zu fragen: Wo komme ich her? Wozu bin ich hier? Und wo gehe ich nachher hin? Ob sie sich sicher sei, dass es ein Leben nach dem Tod gibt? „Natürlich. Ich sehe, wie mir meine Mama ihre Hand entgegenstreckt und mich zu sich hinüberzieht. Mein Papa wartet auch auf mich, aber er steht wie immer ein paar Schritte hinter meiner Mama, weil es immer sie war, die die ‚Hosen angehabt hat‘“, meint sie schmunzelnd.

Ein paar Briefe zum Abschied

In den letzten Monaten ist ihr zusehends die Kraft ausgegangen. Das Leben zu Hause wurde ihr zu anstrengend, und so ist sie zuerst ins Krankenhaus und dann ins Hospizhaus nach Hall gekommen. Rosalinde ist bereit zu sterben. Nur ein paar Briefe möchte sie noch schreiben. An ihre Tochter und ihre Enkelkinder. Sie sollen wissen, dass sie immer auf sie aufpassen wird.

Ihre Familie und die diensthabende Krankenschwester Dani Trixl spürten am Abend vor ihrem Tod deutlich, dass Rosalinde lieber alleine sein wollte. So hat sich Rosalinde am Morgen des 21. Februar 2019 alleine und in aller Ruhe auf den Weg zu ihren Eltern gemacht.

Maria Streli-Wolf, Öffentlichkeitsarbeiterin und Trauerbegleiterin

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