Sterben und Tod meines Vaters

19. Dezember 2011 | von

Nun ist es zwei Jahre her, dass mein Vater sein Leben beenden musste. Er hat so gerne gelebt, auch mit 80 Jahren, ja er empfand sein Leben als Geschenk.

Mit der Diagnose Bauchspeicheldrüsenkrebs, unheilbar und rascher Verlauf, kam eine gewaltige Herausforderung auf ihn zu. Nach dem ersten Schock stellte sich für ihn ein Gefühl der Neugierde ein. Er sagte selbst einmal zu mir: „Es ist seltsam, aber ich bin neugierig, ja fast euphorisch, wie es sein wird …“ Er meinte das Sterben und vor allem der Übertritt in das ewige Leben.

Die verbleibende Zeit war sehr kurz. Der Mut und die Kraft meines Vaters wurden auf eine harte Probe gestellt. Die Trauer des Abschiedes von allem und jedem überwältigte ihn, vor allem in schlaflosen Nächten. Von der Diagnose weg hatte er nur noch vier Monaten zu leben. Es war für uns Angehörige eine zu kurze Zeit – und doch, sein Leiden hätte nicht länger andauern sollen.

Bereits vor Auftauchen größerer Beschwerden kontaktierten meine Eltern die Hospiz-Gemeinschaft. Mein Vater, der immer alles genau wissen wollte, erkundigte sich eingehend, wie sich diese Erkrankung auswirken wird, mit welchen Beschwerden er rechnen muss.

Nur durch das Mobile Hospiz- und Palliativteam konnte mein Vater im letzten Monat zu Hause bleiben.

Ein Krankheitszustand, der sich so rapid verschlechtert und mit so vielen, bisher unbekannten Symptomen einhergeht, macht Angst – auch vor dem, was noch kommen mag. Nicht nur die pflegerisch-medizinische Betreuung, insbesondere das offene Gespräch, die Fürsorglichkeit, das Lachen und Weinen mit Nicht-Angehörigen waren in der letzten Zeit für meinen Vater wichtig. Dazu gehörten auch die Besuche des Pfarrers.

Meine Mutter ist nicht zu vergessen, ohne sie wäre gar nichts gegangen. Nach anfänglichem Schock und Verzweiflung wuchs sie über sich hinaus und war unglaublich stark. Ich bin dankbar für alle Zeiten, in denen ich meine Mutter ablösen konnte im Dasein für meinen Vater, ihn in so mancher Stunde „für mich allein“ gehabt und noch so manch wichtiges Gespräch geführt zu haben.

Ohne den starken, tragenden Glauben, eine unverrückbare Gewissheit, hätte es mein Vater so nicht schaffen können. Am letzten Tag seines Lebens wollte er auf die Hospiz-Station. Die Symptome waren für ihn zu belastend geworden. Er wusste, dass er nicht mehr nach Hause zurückkehren würde. Für mich und meine Mutter war es sehr schwer, als er abgeholt wurde, zu seiner letzten Reise.

Ich musste drei Anläufe nehmen, bis ich es in sein Hospiz-Zimmer schaffte ich wollte ja nicht mit Tränen erscheinen. Wie erleichtert war ich, dass sich mein Vater in der Obhut der Krankenschwestern wohlfühlte. Er schäkerte sogar mit einer Schwester, machte kleine Späße und empfing am Abend die ganze Familie. Er schlief in der Nacht wunderbar.

Am nächsten Tag schaute ich immer wieder in sein Zimmer und wartete schon darauf, dass er endlich aufwachen würde. Als ich um 15 h wieder hineinschaute, mit dem Vorsatz ihn zu wecken, da er ja an der Hl. Messe, die an diesem Tag im Hospiz stattfinden würde, teilnehmen wollte, bemerkte ich, dass er für immer eingeschlafen war … so, wie es sein Wunsch war, einfach in Frieden einzuschlafen.

Ulrike Reitmeir

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