Aus dem Leben von Freddie, dem Blatt

3. Januar 2011 | von

„Das passiert im Herbst“, erzählte ihnen Daniel. „Für die Blätter ist es Zeit, ihr Zuhause zu wechseln. Einige Menschen nennen das Sterben.“

Freddie liebte es, ein Blatt zu sein. Er liebte seinen Ast, seine blättrigen Freunde, seinen Platz hoch im Himmel, den Wind, der ihn herumwirbelte und die Sonnenstrahlen, die ihn wärmten. Freddie war von Hunderten anderer Blätter umgeben. Sie alle waren zusammen aufgewachsen.

Daniel war Freddies bester Freund. Es kam Freddie so vor, als sei Daniel der Klügste von ihnen.

Eines Tages ereignete sich etwas sehr Seltsames. Derselbe Wind, der sie hatte tanzen lassen, zerrte und zog nun an ihnen, als ob er ärgerlich wäre. Allen Blättern wurde Angst und Bange. „Was ist los?“ fragten sie sich im Flüsterton.

„Das passiert im Herbst“, erzählte ihnen Daniel. „Für die Blätter ist es Zeit, ihr Zuhause zu wechseln. Einige Menschen nennen das Sterben.“

„Müssen wir alle sterben?“ fragte Freddie.

„Ja“, antwortete Daniel. „Wir erledigen zuerst unsere Aufgabe. Wir erleben die Sonne und den Mond, den Wind und den Regen. Wir lernen zu tanzen und zu lachen und dann sterben wir.“

„Ich will nicht sterben“, sagte Freddie mit fester Stimme. „Willst du sterben, Daniel?“

„Ja, wenn meine Zeit gekommen ist“, antwortete Daniel.

„Ich habe Angst zu sterben“, sagte Freddie zu Daniel. „Ich weiß nicht, wie es da unten ist.“

„Wir alle fürchten das, was wir nicht kennen. Das ist normal“, versicherte ihm Daniel. „Du hattest auch keine Angst, als der Frühling zum Sommer und der Sommer zum Herbst wurde. Das waren normale Veränderungen. Warum solltest du vor der Jahreszeit Angst haben, in der du stirbst?“

„Stirbt der Baum auch?“ fragte Freddie.

„Eines Tages. Aber es gibt etwas Stärkeres als den Baum: das Leben. Das währt immer.“

„Wohin gehen wir, wenn wir sterben?“

„Niemand weiß das mit Sicherheit. Das ist ein großes Geheimnis“.

„Werden wir im Frühling zurückkehren?“

„Wir nicht, aber das Leben.“

„Was hat das alles für einen Sinn?“ fragte Freddie. „Warum sind wir überhaupt zum Leben erwacht, wenn wir fallen und sterben müssen?“

Daniel antwortete darauf auf seine sachliche Art: „Wegen der Sonne und dem Mond. Wegen der schönen Zeit, die wir zusammen verbracht haben. Wegen dem Schatten, den alten Menschen und den Kindern. Wegen der Farben im Herbst. Ist das nicht genug?“

An diesem Nachmittag fiel Daniel herab. Er fiel mühelos. Er schien friedlich zu lächeln, während er fiel. „Auf Wiedersehen, Freddie“, sagte er.

Leo Buscaglia

1 Kommentar

  1. William sagt:

    Streng genommen: Die Blätter werden abgestossen, damit der Baum den Winter überleben kann. Der Baum muss gar nicht personifiziert werden, besonders als Darstellung des Lebens. Doch das Leben (G.tt) bleibt stumm, und die Blätter wenden sich besser aneinander. Die Blätter flüstern vom Frühjahr bis in den Herbst. Und wenn sie fallen, fallen sie mehr oder weniger zusammen; man könnte meinen, sie haben dies längst abgemacht. So haben vielleicht alle diese Daniels Grund, weitaus weniger Angst zu haben. Nota bene: Menschen brauchen stichhaltige Vergleiche. Eine dunne Suppe ernährt nicht und ist zu leicht durchzuschauen.

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