Tagebuch

Archiv: diagnose

„Wollen Sie mich nicht fragen, wie ich meine Diagnose verkraftet habe?“

15. Juli 2013 | von  | 9 Kommentare
Georg Huter über seine Krebsdiagnose

Ich weiß, dass ich bald sterben werde, und den Rest meiner Zeit möchte ich noch genießen.“ Georg Huter

Georg Huter war Patient auf unserer Hospiz- und Palliativstation. Er freute sich sehr, von unserem Fotografen Gerhard Berger für unsere Zeitung fotografiert zu werden. Wir plauderten über dies und das, wie es ihm im Hospiz gehe und dass er unbedingt wieder nach Hause gehen wolle.

Dann, kurz bevor ich das Gespräch eigentlich schon beenden wollte, fragte Georg Huter mich ganz direkt und unverblümt: „Möchten Sie mich eigentlich nicht fragen, wie ich meine Diagnose, also meine Krebserkrankung, verkraftet habe?“ „Ja, gerne“, meinte ich verlegen. Es war mir unangenehm, dass ich in unserem Gespräch eher oberflächlich geblieben war. „Wie ist es Ihnen in dieser Nacht ergangen, als Ihnen der Arzt Ihre Diagnose mitgeteilt hat?“

Wütend, zornig und verzweifelt

„Nachdem ich vor circa einem Jahr in meiner Wohnung zusammengebrochen bin, wurde ich auf die Klinik gebracht. Am nächsten Tag hat mir der Arzt die Diagnose mitgeteilt: Krebs, Metastasten. Ich werde nicht mehr lang zu leben haben. Es war ein riesiger Schock, eine richtige Starre in mir. Dann bin ich die ganze Nacht wach gelegen. Zuerst war ich wütend, zornig, verzweifelt. Mit der Zeit, und ich muss sagen, es war eine endlos lange Nacht, bin ich aber immer ruhiger geworden. In den Morgenstunden war es mir dann möglich, in aller Ruhe auf mein Leben zurückzuschauen. Ich habe mein Leben im Großen und Ganzen genossen und bin, so wie es war, damit zufrieden. Was sollte ein junger Familienvater mit kleinen Kindern tun, wenn’s den trifft“, fragte sich Georg Huter nachdenklich.

Dennoch den Humor nicht verlieren

„Ich weiß, dass ich bald sterben werde und den Rest meiner Zeit möchte ich noch genießen: meine Freunde treffen, Karten spielen, einmal aufs Höttinger Bild gebracht werden, zeichnen und lesen. Was mir aber am wichtigsten ist, und das ist mir wirklich ganz wichtig: Ich möchte meinen Humor nicht verlieren. Und dafür ist das Hospiz genau der richtige Ort.“

Georg Huter ist Ende Jänner auf der Hospiz- und Palliativstation verstorben.

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Diagnose: Sterbend.

22. November 2010 | von  | 1 Kommentar

Kriterien, Zeichen, Konsequenzen

„Prognosen abzugeben ist oft schwierig.“ Elisabeth Medicus, ärztliche Leiterin der Tiroler Hospiz-Gemeinschaft

„In der Medizin und in der Pflege sind wir gewohnt, Diagnosen zu stellen. Eine Diagnose ist die Basis für Entscheidungen über die weitere Behandlung und Betreuung“, erklärten die Referentinnen beim Palliativforum am 11. November 2010, Dr. Elisabeth Medicus und DGKS Maria Schmidt.

Dieses gewohnte Schema funktioniert dann nicht mehr, wenn ein Mensch sich dem Lebensende nähert. „Es gibt in der Medizin eine Todesdiagnostik, aber keine Diagnostik für das Sterben“, stellte Elisabeth Medicus fest und fügte hinzu: „Es ist auch in vielen Fällen wirklich schwierig, zu sagen, ob ein Mensch nun bereits sterbend ist oder nicht.“

Zwischen Hoffen und Bangen

Relativ einfach ist die Diagnose „Sterbend“ bei TumorpatientInnen, deren Krankheit in der letzten Phase einen ziemlich linearen Verlauf nimmt. Bei demenzkranken Menschen ist das Sterben schwerer zu diagnostizieren, und besonders unklar ist die Prognose bei Personen mit Herzinsuffizienz oder einer chronisch obstruktiven Lungenerkrankung. „Da ist man mitunter über eine recht lange Zeit in einem Zustand zwischen Hoffen und Bangen“, erzählte Medicus, „und das ist sehr schwierig, wenn man immer wieder aufs Neue damit rechnet, dass jetzt der Tod nahe ist.“

„Wir Pflegenden kennen viele Hinweise auf das Sterben.“ Maria Schmidt, Diplomkrankenschwester im Mobilen Palliativteam der THG

Auch die Pflege kennt keine Diagnose für das Sterben. „Aber es gibt einige sehr deutliche Hinweise, die wir kennen und die uns die Einschätzung erleichtern“, erklärte Maria Schmidt. Ein starkes Bedürfnis nach Rückzug, kein Interesse an Essen, Unruhe, Verwirrtheit und kalte Extremitäten sind nur einige von diesen Hinweisen.

Die Möglichkeit, sich vorzubereiten

Warum ist es so wichtig, zu wissen und auch zu benennen, dass eine Person sterbend ist? „Es ist nachgewiesen, dass Menschen am Lebensende den großen Wunsch haben, sich vorbereiten zu können. Sie möchten ihr Leben bilanzieren“, berichtete Elisabeth Medicus, „wenn man also das Sterben nicht anspricht, nimmt man den betroffenen Menschen die Möglichkeit, vieles noch zu tun und zu erleben.“

Es sind in der Regel die Ärztinnen und Ärzte, von denen eine klare Aussage über die Prognose erwartet wird. „Wir können uns hier nicht nur an Fakten und Prozentzahlen orientieren, sondern müssen auch unsere Intuition ernst nehmen“, findet Elisabeth Medicus, die ärztliche Leiterin der Tiroler Hospiz-Gemeinschaft. Mit den PatientInnen und ihren Angehörigen spricht sie nicht über konkrete Zeitangaben, es sei aber möglich, in Dimensionen zu sprechen: „Man kann in vielen Fällen schon sagen, ob es sich um Stunden, Tage, Wochen oder Monate handelt.“ Für die Angehörigen seien solche Aussagen wichtig und sie könnten sie meist auch gut annehmen.

Entscheidungen gemeinsam treffen

Die beiden Referentinnen, Elisabeth Medicus und Maria Schmidt, betonten in ihrem Vortrag aber auch, dass die MedizinerInnen nicht alle Entscheidungen allein treffen müssen und sollen. Sie stellten drei Instrumente vor, die für die Betreuung am Lebensende hilfreich sind, weil damit alle Beteiligten in die Entscheidungen einbezogen werden können.

Der Palliative Behandlungsplan bietet Unterstützung bei der Betreuung Sterbender zu Hause und im Pflegeheim. Weitere Informationen finden Sie hier.

Der „Runde Tisch“ ist eine Möglichkeit, alle Beteiligten (PatientIn, Angehörige, ÄrztInnen, Pflegende, VertreterInnen der verschiedenen Betreuungssysteme) auf den gleichen Informationsstand zu bringen und gemeinsam das weitere Vorgehen zu planen. „Die Organisation dieser Besprechungen ist oft aufwendig“, berichtete Elisabeth Medicus, „aber es lohnt sich zu 100 Prozent!“

Ein weiteres Instrument, das die Referentinnen vorstellten ist der Liverpool Care Pathway (LCP), der auf der Hospiz- und Palliativstation der Tiroler Hospiz-Gemeinschaft angewendet wird. Informationen darüber gibt es ebenfalls auf der Website des Palliativzentrums St. Gallen, mit dem die THG in diesem Thema sehr gut zusammenarbeitet.

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