Goldener Makel

9. Februar 2021 | von

Kintsugi – japanische Reparaturtechnik und philosophische Denkrichtung zugleich. Autorin Eva Maria Bachinger tauchte ein in die erfüllende Welt der Unvollkommenheit und Brüche.

Es ist ein kleiner, schwarzer Elefant aus Keramik, ein Geschenk einer Freundin. Ein Glücksbringer, materiell nicht viel wert, aber ein Herzensgegenstand. Schon seit mehr als 20 Jahren. Er stand immer am Schreibtisch. Eines Tages passierte es: Ich stieß am Schreibtisch an, der Elefant stürzte vom Tisch und zerbrach in drei Teile: der Rüssel ab, ein Stück vom Hinterbein. Monatelang lag er zerbrochen auf dem Schreibtisch, es war mir nicht möglich, ihn einfach wegzuwerfen. Dann hörte ich bei einer Veranstaltung der Hospizbewegung Tirol von Kintsugi, einer japanischen Kunst, die Brüche besonders würdigt:

Die Bruchstellen beschädigter Keramiken werden nicht nur geklebt und möglichst gut kaschiert, sondern durch Vergoldung oder Versilberung wird der „Makel“ sogar explizit hervorgehoben und veredelt. Kintsugi heißt wörtlich übersetzt: Gold (kin) – Reparatur (tsugi). Sie ist Teil der 500 Jahre alten Philosophie Wabi-Sabi – „im Unvollkommenen das Schöne sehen, Schlichtheit als möglichen Weg zu geistigem Reichtum und dadurch auch die Wertschätzung von Unvollständigem, Altem, auf den zweiten Blick Schönem“, erklärt Keramikkünstlerin Barbara Juen-Bloéb in ihrer kleinen Werkstatt in Thaur in Tirol. Sie ist eine der wenigen Künstler*innen, die Kintsugi in Österreich praktizieren. Neben dem Konzept Wabi-Sabi ist Kintsugi auch mit den Geisteszuständen Mottainai, dem Gefühl des Bedauerns über die Verschwendung der Sache, und Mushin, dem Akzeptieren von Veränderung, verbunden. Der Legende nach wurde das Kunsthandwerk im 15. Jahrhundert erfunden, als die chinesische Lieblings-Teeschale von Shōgun Ashikaga Yoshimasa zerbrach und er sie zur Reparatur nach China schickte.

Die Schale wurde zwar in einem Stück zurückgesendet, jedoch nur notdürftig von Metallklammern zusammengehalten. Diese grobe Reparatur inspirierte den japanischen Shogun dazu, mithilfe eines ansässigen Handwerkers eine elegantere Lösung zu finden – und Kintsugi war geboren.

Die Werkstatt der Keramikkünstlerin befindet sich am Waldrand. Es ist still, nur die Rufe eines Bussards sind zu hören, während sie den Elefanten begutachtet. Dann beginnt sie mit dem Reparieren à la Kintsugi. Zuerst nimmt sie die zerbrochenen Teile auseinander, begutachtet sie, reinigt sie. Das Licht an ihrem Arbeitsplatz hat sie so ausgerichtet, dass sie Schatten sieht, um jede Unebenheit, etwa durch Absplitterungen, zu entdecken. Es geht darum, genau zu sehen, wie alles zusammenpassen könnte. Juen-Bloéb verwendet zum Kleben der Teile ein Naturharz, das von einem asiatischen Baum gewonnen wurde. Dann kommt das Objekt in einen Feuchtschrank, in dem es 25 Grad Celsius warm ist und eine 60- bis 70-prozentige Luftfeuchtigkeit herrscht. Mindestens drei Wochen muss der Elefant trocknen. Danach macht sie mit dem Ausfüllen von Unebenheiten weiter. Anschließend folgen erneut bis zu vier Tage Feuchtschrank und danach wird mit Schleifpapier und Steinkohle geschmirgelt, möglichst ohne Druck, damit keine Kratzer entstehen. Schließlich wird auf die Bruchstelle Schicht für Schicht ein Lack aufgetragen. Die letzte Lackschicht ist Träger für das Metallpulver, entweder Gold, Silber oder Platin, das man nun aufstaubt.

Damit das Metallpulver glänzt, muss der Untergrund perfekt glatt sein, sonst bleibt es matt. Juen-Bloéb zeigt ein Keramikstück mit einer Veredelung, die matt glänzt: „Das waren meine Anfänge.“ Den Lack trägt sie mit einem besonderen Pinsel auf: „Ich habe mal einen Stachel von einem Stachelschwein gefunden, auf den ich die Pinsel gut aufstecken kann. In Japan verwenden sie Katzenhaarpinsel, aber die darf man in die EU nicht einführen, weil man das Töten von Katzen nicht fördern will. Ich habe nun Maushaarpinsel, die muss ich mir erst zuschneiden, aber dann sind sie auch sehr gut. Ich kann damit ganz feine Linien mit dem Lack auftragen.“ Wenn man vergolden will, nimmt man einen roten Trägerlack, dadurch wirkt das Gold wärmer, will man versilbern, verwendet man einen schwarzen Lack.

Barbara Juen-Bloéb | www.barbara-restauriert.at

Juen-Bloéb macht Kintsugi nun seit fünf Jahren – neben anderen Restaurationsarbeiten bei Porzellan und Glas – und lernt noch immer viel dazu. Durch Zufall kam sie zu dieser Kunst: Eine private Kundin, die einige Jahre in Japan gelebt hatte, erzählte ihr davon. Ihre Neugierde war geweckt und sie begann zu forschen und auszuprobieren. Sie schätzt die besondere Kreativität, die bei Kintsugi möglich ist.

Eigentlich wollte sie im Alter von 22 Jahren an der Angewandten oder an der Universität für bildende Kunst in Wien Restaurierung studieren, wurde aber unter den vielen Bewerbern nicht aufgenommen. „Dann erinnerte ich mich an einen Studienfreund meines Vaters, der Grafiker ist. Wir Kinder nannten ihn ‚Onkel Fritz aus Amerika‘. Der hatte in Wien Malerei studiert und wanderte später nach New York aus, wo er sich auf Restaurierung spezialisierte. Seit Jahrzehnten hat er nur die besten Kunden – etwa das Auktionshaus Christie’s. Ich habe ihn besucht und viel von ihm gelernt. Jetzt arbeite ich schon 21 Jahre lang als Restauratorin.“

Der Arbeitsprozess von Kintsugi ist zeitlich aufwändig, viele Schritte und lange Trockenzeiten sind nötig. Das ist aber auch die Philosophie dahinter: „Man soll sich Zeit nehmen, nicht hetzen, alles braucht seine Zeit, damit bekommt es mehr Wert. Auch ich komme bei dieser Arbeit zur Ruhe“, erklärt Juen-Bloéb.

Zur Veredelung kommt noch die Einzigartigkeit hinzu: Kein anderes Objekt hat diesen „Leidensweg“ und diese „Narben“. „Vielleicht können wir diese Prinzipien auf unser eigenes Leben beziehen – dass uns Narben, Falten und andere ‚Unvollkommenheiten‘, die wir im Laufe unseres Lebens sammeln, in Wahrheit noch schöner machen. Anstatt nach dem Fehlerhaften zu suchen, sollten wir stolz sein auf das, was uns einzigartig macht und es auch bei anderen annehmen“, meint die Künstlerin.

Schöner als das Original

Kintsugi vereint jedenfalls einige sehr aktuelle Themen: Entschleunigung, der Wegwerf-Industrie trotzen, Upcycling, Naturbewusstsein, Wertschätzung, Achtsamkeit. „Die Idee von Kintsugi kann man im Grunde überall anwenden: Wenn man zum Beispiel zerschlissene Jeans mit bunten Fäden kreativ flickt, Risse und Astlöcher in Holzmöbeln nutzt, um sie mit farbigem Epoxidharz zu füllen, Löcher beispielsweise in Vorhängen mit gehäkelten Blumen verziert.“ Der schwarze Elefant hat nun wunderschöne, goldene Linien an den früheren Bruchstellen. Er ist nun tatsächlich einzigartig. Eines ist auch klar: Das ausgebesserte Stück übertrifft das Original in seiner Schönheit.

Foto: Anna Beskova

Eva Maria Bachinger, Autorin

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