Medizin auf Augenhöhe

7. Mai 2019 | von

Andrea Knoflach-Gabis ist die neue ärztliche Direktorin in der Tiroler Hospiz-Gemeinschaft. Zuletzt war sie ärztliche Direktorin und Leiterin der Palliativstation in der Privatklinik Martinsbrunn in Meran. Ein Gespräch mit Maria Streli-Wolf

ÄrztInnen haben den Auftrag, Leben zu retten. Wie kam es, dass du dich in den Dienst Sterbender gestellt hast?

Zu Beginn meiner ärztlichen Tätigkeit hatte ich immer den Eindruck, dass Sterbende von uns ÄrztInnen zu wenig Aufmerksamkeit bekommen. Wahrscheinlich aus unterschiedlichen Gründen: weil wir damals noch nicht viel übers Sterben wussten, weil wir dachten, dass wir ohnehin nicht mehr helfen können, und vielleicht, weil wir uns vorm Sterben und dem Tod gedrückt haben. Die letzte Lebensphase meiner Schwiegermutter hat mir dann klargemacht, dass ich als Ärztin etwas für die Lebensqualität sterbender Menschen tun möchte. Seitdem hat sich zum Glück auch in der Öffentlichkeit viel zum Positiven verändert.

Was ist Lebensqualität für Sterbende?

In erster Linie geht es bei der medizinischen Betreuung unter anderem um die Behandlung und Linderung von belastenden Symptomen wie Schmerzen, Atemnot oder starker Übelkeit. Wer starke Schmerzen hat, hat eine stark reduzierte Lebensqualität. Ich erinnere mich noch an eine Patientin in Meran, deren Schmerzen wir gut behandeln konnten. Eines Tages hat sie dann mit Schrecken den grauen Nachwuchs ihrer rot gefärbten Haare im Spiegel gesehen. Sie war entsetzt, so haben wir Haarfarbe gekauft und den Nachwuchs wieder rot gefärbt. Mit ihren frisch gefärbten Haaren saß sie zufrieden im Bett. Auch das ist Lebensqualität! Wir dürfen den Menschen nicht unsere eigenen Vorstellungen von einem guten Leben und Sterben überstülpen.

Wo siehst du Entwicklungsfelder für die Palliativmedizin?

Die Palliativmedizin wird sich, wie die Medizin insgesamt, weiterentwickeln, sich verändern und den Menschen noch besser Linderung verschaffen. Meinen persönlichen Auftrag sehe ich darin, die hohe Qualität und Bedeutung einer interdisziplinären palliativen Betreuung nach außen zu tragen. Konkret heißt das, ÄrztInnen – wie alle beteiligten Professionen – sollten sich immer radikal an den Patientinnen und Patienten orientieren, mit ihnen offen, klar und vor allem auch verständlich kommunizieren und sich – und das ist mir sehr wichtig – genügend Zeit für Gespräche auf Augenhöhe nehmen. Es macht doch einen großen Unterschied, ob ich mich für ein Gespräch in Ruhe ans Bett einer Patientin setze oder ob ich dieses Gespräch im Stehen von oben herab am Fußende des Bettes führe. Es kostet nicht einmal mehr Zeit!

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