Wir können immer etwas tun

7. Mai 2015 | von

„Wenn ich mich selbst als Arzt betrachte, kann ich mir vorstellen, dass ich unbewusst Medizin studiert habe, um gegen den Tod anzutreten, gegen eine tiefe innere Angst.“ Christian Haring ist Vorsitzender der österreichischen Gesellschaft für Suizidprävention und Leiter der Abteilung für Psychiatrie und Psychotherapie B am LKH Hall in Tiro im Interview mit Maria Streli-Wolf

Warum sind Sie dagegen, dass die Beihilfe zur Tötung auf Verlangen in Ausnahmefällen in Österreich legal wird?

Christian Haring: Sterben war in meiner Ausbildung kein Thema. Das ist sozusagen die dunkle Seite der Medizin. Wenn ich mich selbst als Arzt betrachte, kann ich mir vorstellen, dass ich unbewusst Medizin studiert habe, um gegen den Tod anzutreten, gegen eine tiefe innere Angst. Jeder Sterbende ist wohl für einen Mediziner auch ein Symbol für die eigene Unzulänglichkeit. Wir müssen aber lernen zu akzeptieren, dass das Leben ein Ende hat. Vielleicht ist ja das Ende so schmerzhalft wie der Beginn, aber es hat vielleicht eine vergleichbare Energie und Kraft in sich wie der Beginn des Lebens. Der begleitete Suizid ist für mich der Versuch der Vernichtung des Problems, aber nicht die Lösung des Problems.

Welchen Ängsten begegnen Sie als Psychiater?

Christian Haring: Die zwei großen Problemfelder und Ängste, mit denen wir umgehen lernen müssen, sind die Angst vor dem Tod und die Angst, nicht geliebt und angenommen zu sein. Wahrscheinlich ist die Endlichkeit unseres eigenen Lebens die größte Verdrängungsenergie, die wir aufwenden, damit wir nicht ständig mit dieser Angst in uns konfrontiert sind. Am Ende des Lebens wird man mit beiden Fragen konfrontiert, und dann bricht die Abwehr gegen diese Fragen zusammen. Aber ich habe die Hoffnung, dass Menschen, die sich in ihrem Leben ihren Krisen stellen konnten, auch das Werkzeug haben werden, sich der letzten großen Krise zu stellen.

Wovor haben Sie Angst, wenn die Beihilfe zur Tötung auf Verlangen in Ausnahmefällen legal wird?

Christian Haring: Ich habe Angst, dass Menschen assistierten Suizid verlangen und auch erhalten, die weit weg von der terminalen Phase des Lebens sind. Es ist ein Faktum, dass in den Niederlanden assistierter Suizid immer früher und auch von psychisch kranken und Alzheimer-PatientInnen in Anspruch genommen wird. In einer ökonomisierten Welt, in der es nur noch ums Geld geht, habe ich Angst, dass der Druck auf den Einzelnen wächst, sein mühsam Erspartes nicht, ich sage es so salopp, im Altersheim zu verbraten. Außerdem habe ich vor den Folgewirkungen Angst. Finger weg von solchen Gesetzen! Man weiß nicht, welche politischen Veränderungen kommen.

Foto: Florian Schneider

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