Begegnung mit der Angst am Lebensende

17. Juni 2011 | von

Palliativversorgung

Wenn sich im Leben etwas verändert, sind wir häufig mit Angst konfrontiert – Zeiten des Übergangs sind Hoch-Zeiten der Angst. Ausgehend von dieser Tatsache gestaltete die Psychotherapeutin und Psychiaterin Dr. Gabriele Schauer-Maurer ihren Vortrag beim Palliativforum am 9. Juni 2011 zum Thema „Begegnung mit der Angst am Lebensende“.

Dass dieses Thema sehr viele Menschen berührt und „bewegt“ zeigte sich sehr eindrucksvoll an der Zahl der BesucherInnen des Vortrags:

Selten war ein Palliativforum so gut besucht wie an diesem Abend.

„In der Sprachwurzel des Wortes Angst steckt die Enge“, erklärte die Referentin: „Die Atmung wird flach, viele Körperfunktionen sind eingeschränkt, die Muskeln verspannen sich. Wenn Emotionen sich so verdichten, kommt der betroffene Mensch in große Bedrängnis.“

Menschen, die damit konfrontiert sind, dass ihr Leben zu Ende geht, reagieren mitunter mit großer Abwehr und Verdrängung. Sie ignorieren die Nachricht über die Begrenztheit ihrer Lebenszeit oder flüchten sich in irrationale Hoffnung. „Für die Behandlerinnen und Behandler ist das oft sehr schwierig, aber sie müssen diese Abwehr respektieren. Sie ist ein Schutz vor der Angst und das muss uns bewusst sein, wenn wir aufklären und Diagnosen mitteilen“, sagte Gabriele Schauer-Maurer.

Gabriele Schauer-Maurer: „Die Lähmung der Angst durch Offenheit überwinden.“

Um Menschen, die am Lebensende der Angst begegnen, stützen und schützen zu können, sei es wichtig, konkret zu fragen, wovor sie denn Angst haben. „Wenn die Angst benannt ist, kann Bewegung hineinkommen und es wird zum Beispiel möglich, etwas Wohltuendes zu tun.“ Die Psychoonkologin achtet in Gesprächen mit sterbenden Menschen besonders darauf, sich auf die Gegenwart zu beziehen: „Wenn es keine Zukunft mehr gibt, ist es umso wichtiger, auf das Hier und Jetzt zu schauen: Was ist jetzt nötig und sinnvoll?“ Oft gebe es kleine, auch symbolische Handlungen, die die Angst lindern können – etwa wenn eine Mutter ihren Kindern noch einen Gegenstand geben kann, der sie beschützen soll. Wenn über Angst gesprochen wird entsteht daraus die Möglichkeit, ihr offen zu begegnen und damit kann die Lähmung überwunden werden.

Abschließend bemerkte Gabriele Schauer-Maurer: „Wer Menschen am Lebensende betreut, sollte sich unbedingt auch mit der eigenen Angst auseinandersetzen.“

Sonja Prieth, Bildungsreferentin

1 Kommentar

  1. Hotelier sagt:

    Der Fernsehjournalistin und Autorin Dörte Schipper ist ein bemerkenswert spannendes und überraschendes Buch gelungen über die Angst vor dem Sterben – und das Geheimnis eines erfüllten Lebens. Dem Buch vorausgegangen ist eine Fernsehdokumentation in der ARD (Der Luxuskoch vom Hospiz), für die die Autorin mit dem Erich-Klabunde-Preis ausgezeichnet wurde.

    Lebensbejahend, wie die Atmosphäre im Hospiz, ist auch das Buch. Es erzählt über einen außergewöhnlichen Koch und die Lebensgeschichten seiner Gäste.

    Dörte Schipper
    DEN TAGEN MEHR LEBEN GEBEN
    Vorwort von Udo Lindenberg
    Bastei Lübbe Verlag – 253 Seiten Hardcover
    ISBN 978-3-7857-2385-2

    „Ich definiere mich als Koch nicht mehr darüber, wie viel gegessen wird, sondern, ob ich die Menschen damit erreiche.“ Früher war er Küchenchef in einem Nobelrestaurant. Heute kocht er im „Leuchtfeuer“, einem Hamburger Hospiz. Die meisten seiner Gäste haben Krebs im Endstadium.

    Ob Steak, Labskaus, Coq au Vin oder eine aufwändige Torte, Ruprecht, der Koch, erfüllt jeden kulinarischen Wunsch. Tagtäglich erlebt er aufs Neue, wie wichtig es den Bewohnern im Hospiz ist, noch einmal ihre Lieblingsgerichte genießen zu können. Kräuter, Gewürze, den individuellen Geschmack zu treffen, ist für den Koch nicht immer leicht. Oft geht es nur um Nuancen, und er braucht mehrere Anläufe. „Wenn ich es schaffe, ein Essen genau so zu kreieren, wie ein Sterbenskranker sich das vorgestellt hat, kann ich mich jedes Mal aufs Neue darüber freuen.“

    Mit dem Einzug ins Hospiz rückt für die sterbenskranken Menschen das Endgültige immer näher. Vorbei mit: „Das kann ich noch nächstes Jahr machen.“ Es gilt nur noch das Heute und Jetzt. So unterschiedlich, wie sie gelebt haben, gehen die Menschen auch mit der Gewissheit um, bald sterben zu müssen.Viele fühlen sich wie zu Hause und gut aufgehoben in der familiären Atmosphäre des Hospizes. Einige fühlen sich abgeschoben und lassen ihren Frust genau an den Menschen aus, die sie am meisten lieben. Für die einen ist der Tod ein Tabu, andere reden pausenlos über das Sterben – mit schwarzem Humor, Ironie, oder abgeklärt und nüchtern. Manche finden Trost in der Religion, manche im Sarkasmus. Begriffe wie Harmonie und Dankbarkeit werden plötzlich wichtig. Zwischenmenschliche „Baustellen“, die schon seit Jahren gären, sollen unbedingt noch schnell bereinigt werden. Es können sich aber auch neue auftun. Verhalten, Wünsche und Gedanken der Menschen verändern sich, je näher der Tag rückt. Wer heute noch Scherze macht, kann morgen unendliche Angst haben, verbittert sein oder umgekehrt. Trotz der extremen Gefühlsschwankungen, zeigt sich bei den Bewohnern eines durchgehend: Auch wer unwiderruflich weiß, seine Tage sind gezählt, kann noch genießen, lachen und Momente des Glücks erleben.

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