Rituale – Haltegriffe in der Dunkelheit und Brücken zum Himmel

15. September 2010 | von

„Seelsorger sollten Hoffnungsträger sein“ Tommy Mullur

„Heute noch erinnere ich mich ganz genau, als ich während eines Bereitschaftsdienstes in den Kreißsaal gerufen wurde“, erzählt der Krankenhausseelsorger Tommy Mullur in seinem Buch „Frohes Warten – früher Tod.“

Wenn Geburt und Tod aufeinandertreffen

Die Hebamme sagte am Telefon: „Wir brauchen dringend einen Seelsorger, da wir eine Totgeburt erwarten.“ Es wurde ein Kaiserschnitt vorbereitet. Ich näherte mich Frau L. und stellte mich vor. Sie bat mich um den Segen für sich und ihre Kinder – sie war mit Zwillingen schwanger. Ich fasste Mut und sprach ein Segensgebet. In einem Nebenraum wartete bereits der Vater. Gemeinsam breiteten wir ein weißes Tuch über den Tisch und zündeten eine Kerze an. Die Hebamme brachte einen Polster und ein Kreuz, während mir der Vater erzählte, wie es dazu kam: „Eines der beiden Kinder entwickelte sich mehr als das andere. Deshalb sollte dieses Kind im Ausland operiert werden. Eine Ungewissheit nach der anderen. – Das waren die schlimmsten Wochen unseres Lebens. Dann kam dieser Blasensprung – nun sind beide tot.“

Als die Hebamme die Kinder brachte war es ganz still. „Es sind zwei Mädchen.“ „Wir feierten eine Namensgebungsfeier und eine Abschiedsritus für die beiden Babys. Wenige Worte und viele Tränen“, schreibt Tommy Mullur.

Rituale ordnen im Chaos der Gefühle

Der Krankenhausseelsorger Tommy Mullur steht immer wieder Müttern und Vätern gegenüber, deren Hoffnungen und Pläne jäh zerbrochen sind. Tod anstelle des Lebens, Verzweiflung, Schock und Angst statt Freude und Glück.

Rituale können dabei helfen, das Chaos der Gefühle zu ordnen. „Das verstorbene Kind befindet sich ja, wie wir hoffen und glauben, in einer anderen Wirklichkeit“, erzählt Tommy Mullur. „Ich habe oft erlebt, dass ein gelebtes Ritual helfen kann eine Beziehung zum verstorbenen Kind in seiner unsichtbaren Wirklichkeit aufzubauen.“

Immer wieder begegnet er Menschen, die nicht die Gelegenheit hatten, sich von ihrem verstorbenen Kind würdevoll zu verabschieden. „Dann klafft häufig eine offene Wunde. Und das eigene Herz wird zum Grab. Wir brauchen aber Gräber, Orte, vertraute Menschen und eben auch Rituale, wo wir unsere Trauer hintragen, durchleben und überwinden können.“

Tomy Mullur /Andrzej Krzyzan (Hg.)
Frohes Warten – Früher Tod

Wenn Eltern ihr Kind vor, bei oder kurz nach der Geburt verlieren

ISBN 978-3-7022-3029-6
€ 17,95 / SFr. 31,50
http://www.tyrolia.at/

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