Kinder und der Tod. Wie damit umgehen?

„Kinder springen in Pfützen der Trauer, während wir Erwachsenen oft im Meer der Trauer schwimmen.“ Gertrud Larcher, Trauerbegleiterin für Kinder und Jugendliche bei Rainbows Tirol interviewt von Petra Hillebrand, Sozialarbeiterin in der Tiroler Hospiz-Gemeinschaft.

Ist für Kinder der Tod ein Thema?

Ja, natürlich. Kinder spüren alles und sind von Natur aus neugierig. Aber sie verstehen die Komplexität des Todes nicht und benötigen Erwachsene, die ihnen die Situation erklären und für sie da sind. Wenn das nicht passiert, bleiben die Kinder mit ihren Fantasien und Vorstellungen, die oft beängstigend sein können, alleine.
Ihr Todesverständnis ändert sich im Laufe der ersten Jahre. Den Tod mit allen Konsequenzen können Kinder erst mit zunehmendem Alter erfassen.

Worin unterscheidet sich die Trauer von Kindern von der Trauer Erwachsener?

  • Kinder sind auf die verbleibenden Bezugspersonen angewiesen und abhängig davon, was ihnen gesagt wird. Sie können sich selbst nicht so leicht Unterstützung holen wie Erwachsene.
  • Faktische Bedürfnisse spielen bei ihnen eine besonders große Rolle (z. B. „Fahren wir trotzdem auf Urlaub?“), was ihnen oft fälschlicherweise als gefühllos ausgelegt wird.
  • Kinder leben viel stärker in der Gegenwart, sie zeigen Wut oder Zorn viel offener. Zugleich sind sie eingeschränkter in ihrer Fähigkeit, emotionalen Schmerz auszuhalten und Gefühle zu verbalisieren.
  • Kinder springen in Pfützen der Trauer, während wir Erwachsenen oft im Meer der Trauer schwimmen. Der Wechsel aus der Trauer ist bei Kindern deshalb viel sprunghafter.
  • Die Phase des Nicht-wahrhaben-Könnens kann bei Kindern wesentlich länger dauern. Sie reagieren oft zeitverzögert, wenn sich im Familiensystem vieles beruhigt hat.
  • Vorschulkinder entwickeln oft Schuldgefühle – wegen ihres magischen Denkens (z. B. „Bin ich schuld, dass die Mama Krebs bekommen hat, weil sie sich so oft mit mir ärgern musste?“)
  • Kinder haben häufig Schwierigkeiten, zwischen Wunsch und Wirklichkeit zu unterscheiden.
  • Der Tod benötigt in allen kommenden Entwicklungsstufen erneute Beschäftigung.

Wie äußern Jugendliche ihre Trauer?

  • Jugendliche können oder möchten ihre Trauer oft nicht so zeigen. Sie verwenden verschiedene Strategien, um mit den intensiven Gefühlen der Überforderung umzugehen. Manche wirken nach außen angepasst und „funktionieren“. Andere wirken aggressiv und provokativ oder albern und tun, als sei nichts geschehen. Und wieder andere ziehen sich zurück, obwohl sie sich Beistand wünschen würden.
  • Jugendliche wehren ihre Angst, Verletzlichkeit und Machtlosigkeit manchmal durch Sarkasmus oder Sachlichkeit ab und werden missverstanden. Sie zeigen Gefühle oft nur indirekt z. B. durch Streit oder Rückzug, verstecken sich hinter ihrer Coolness – häufig auch aus der Angst heraus, die Fassung oder ihre Kontrolle zu verlieren oder ihre Eltern zu belasten.
  • Gleichaltrige sind ihnen wichtig. Oft teilen sie ihre Trauer lieber mit Freund*innen als mit erwachsenen Bezugspersonen. Sie möchten aber keine Sonderrolle einnehmen.
  • Jugendliche setzen sich mit herausfordernden Entwicklungsaufgaben auseinander, die durch die Themen Selbstfindung, Abschied und Neubeginn geprägt sind, und sind sehr leicht verletzbar. Durch den Tod eines nahen Familienmitglieds wird dieser Ablösungsprozess meist erschwert. Jugendliche vollbringen wahnsinnige Anpassungsleistungen, um Erwachsene zu schonen, und übernehmen dabei oft zu viel Verantwortung.
  • Sie vertagen ihre Trauer oft auf später.
  • Es besteht die Gefahr des Risikoverhaltens, um ihre Emotionen zu betäuben.
  • Sowohl schulische Schwierigkeiten können auftreten als auch schulischer Perfektionismus.
  • Auch regressive Reaktionen sind möglich.

Welche Unterstützung sollte man Jugendlichen anbieten?

  • Sehr viel Verständnis, Respekt, Wertschätzung für ihre individuellen Trauerreaktionen
  • Ehrliche Informationen und Miteinbezogen-Werden in Entscheidungen, was Rituale angeht
  • Kein Trauerzwang oder irgendwelche verordneten Rituale
  • Trauerfreie Zonen mit der Möglichkeit, einfach Jugendliche*r zu sein und Kraft zu schöpfen
  • Bereitschaft zur Begleitung mit dem Wissen, dass Gleichaltrige manchmal wichtiger sind und dass Jugendliche nach außen hin oft sehr stark wirken und nach innen total zerbrechlich sein können
  • Selbstwirksamkeit ermöglichen
  • Intensiven Gefühlen Raum geben

Was braucht ein Kind deiner Meinung nach, wenn eine Bezugsperson schwer erkrankt/sterbend ist?

  • Kinder müssen auf die Situation und Veränderungen vorbereitet werden (wie schaut die erkrankte Person aus? Warum sind da Schläuche, blaue Flecken usw.)?
  • Fragen sollten altersgemäß und ehrlich beantwortet werden.
  • Kinder sollten möglichst viel tun können, um zu zeigen, wie lieb sie diese Person haben (ein Bild malen, ein Geschenk basteln, etwas singen, einen nassen Waschlappen auf die Stirn legen usw.), dann haben sie für später positive Erinnerungen und fühlen sich nicht so ohnmächtig. Freiwilligkeit ist dabei wichtig, Kinder sollten keinesfalls zu etwas gezwungen werden.
  • Sie sollten die Möglichkeit haben, jederzeit aus dem Krankenzimmer hinauszugehen, um später wieder hineinpendeln zu können, denn sie brauchen Raum, um sich zu erholen und emotionalen Schmerz auszuloten.
  • Keine Aufträge für nach dem Tod geben (z. B. „Du machst Matura!“), denn das kann zu einer unerfüllbaren Aufgabe und großen Belastung werden.
  • Eine vertraute Begleitperson wäre ideal. Sie sollte Zeit haben, sich Zeit nehmen und Zeit geben. Die Bereitschaft sollte da sein, Fragen zu beantworten und das Zugeständnis beinhalten, die Fragen dann zu stellen, wenn es dem Kind wichtig ist.
  • Kinder sollten die Möglichkeit bekommen, Abschied zu nehmen.
  • Kinder benötigen immer wieder Auszeiten und trauerfreie Zonen, um gesund zu bleiben.
  • Eine Legitimierung aller Gefühle und kreative Möglichkeiten des Ausdrucks sind nötig.

Wie erklärt man Kindern, dass jemand gestorben ist?

Grundsätzlich sollte der Tod beim Namen genannt werden. Verstehen Kinder das Wort Tod noch nicht, ist es hilfreich, mit Beschreibungen zu arbeiten. Die Worte, die dabei benutzt werden, sollten dem Alter und Kenntnisstand des Kindes angepasst werden. Keineswegs sollten aber verharmlosende Umschreibungen („ist eingeschlafen“, „ist auf eine lange Reise gegangen“) verwendet werden, die die Realität des Todes für Kinder zu wenig klar ausdrücken und zu Ängsten und Missverständnissen führen.

Ein Puppenbett mit Patient und Angehöriger, die sich um ihn kümmert.

Jeden ersten Mittwoch im Monat gibt es nachmittags eine kostenlos zugängliche Beratungsmöglichkeit von Rainbows im Hospizhaus in Hall. Wer ist eingeladen, zu diesen Beratungsnachmittagen zu kommen? Alle sind willkommen, vor allem die, die Fragen zur Trauer von Kindern oder Jugendlichen haben und wissen möchten, wie sie diese gut unterstützen können. Eine telefonische Voranmeldung unter Tel. 0650 3966735 ist wichtig, damit es zu keinen unnötigen Wartezeiten kommt.

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