Hände halten

2. März 2021 | von

Im September 2019 ersuchte mich Reinhilde Tabernig, die Leiterin des Hospizteams Osttirol, um die Begleitung einer alten Dame. Zur Information gab sie mir etliche Einzelheiten über Maria L. bekannt: 96 Jahre alt, nie verheiratet, keine eigenen Kinder. Anscheinend eine sehr sympathische Frau. Lebt im Obergeschoss des eigenen Hauses und wird von einer rumänischen Pflegerin rund um die Uhr betreut. Frau L. ist seit zwei Jahren bettlägerig. Weil eine Verschlechterung ihres Allgemeinzustandes eingetreten war, zog ihre Nichte das Palliativteam hinzu. Ach ja, und sehr, sehr schwerhörig sei sie ebenfalls.

Der „Siezerei“ überdrüssig

Mit diesen Informationen ausgestattet, machte ich mich am nächsten Tag auf den Weg zu Frau L. Die lebhafte Pflegerin Marianna öffnete mir die Tür und führte mich ins Zimmer zu Frau L., die mich mit großen Augen ansah. Ich merkte später, dass sie auch kurzsichtig war. Die zierliche Frau verschwand fast in ihrem Bettzeug. Ich stellte mich mit sehr lauter Stimme vor und sie verstand mich ausgezeichnet, so sollten also in Zukunft unsere Unterhaltungen ablaufen. Frau L. duzte mich sofort, wurde anscheinend nach zehn Minuten meiner „Siezerei“ überdrüssig und bot mir das Du-Wort an.

Im Laufe dieser und der nächsten Besuche lernte ich die Maria ganz gut kennen. Sie erzählte aus ihrem bewegten Leben und präsentierte sich als sehr positiver Mensch, der mit seiner Vergangenheit absolut im Reinen war. Sie hatte medizinisch-technische Assistentin gelernt und dieser Beruf erfüllte sie voll und ganz.

Noch nie einen Mann geküsst

Bei meinem dritten Besuch, sie empfing mich jedes Mal strahlend und schnappte sich sofort meine Hände, wurde es rührselig. Nach einer herzlichen Begrüßung fragte sie mich ganz ernsthaft: „Bist du extra wegen dem Handlhalten gekommen?“ „Nicht nur, Maria, aber auch deswegen.“ Nach etlichen Sekunden: „Den Händedruck werde ich den ganzen Tag nicht vergessen!“ Irgendetwas drückte sie noch, ich merkte es und tatsächlich sagte sie nach ein paar Minuten versonnen: „Ich habe mein Lebtag lang keinen Mann geküsst.“ Ich, schreiend: „Da ist dir aber etwas entgangen, Maria!“ Nach kurzem Schweigen: „Ich glaub’, das könnte ich gar nicht.“ – „Oh ja, Maria, busseln kann jeder Mensch!“ Sie küsste sich selbst den linken Unterarm. „So?“ – Ich: „Ja.“ Nach längerem Schweigen: „Wenn du willst, kannst du dir heute a Bussl abholen.“ Ohne zu zögern gab ich ihr ein Bussi auf den Mund. Nach gaaanz langem Schweigen: „Jetzt hab’ ich das auch!!“ Händchen gehalten haben wir auch bei allen folgenden Besuchen, das war ganz wichtig, aber über das Busseln wurde nie mehr gesprochen.

Peter Stan, ehrenamtlicher Hospizbegleiter in Osttirol, über einen unvergesslichen Hospizbesuch

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