„Wollen sie sich bei mir anlehnen?“ – Nähe und Schutz in der letzten Lebensphase

8. Dezember 2020 | von

„Ich möchte aufsitzen“, sagt Frau S. Sie ist Patientin auf unserer Hospiz-Palliativstation. Unruhig liegt sie in ihrem Bett, in den letzten Tagen ihres Lebens.

Mit Hilfe einer Kollegin von der Pflege richtet sie sich auf, sitzt quer im Bett. Es bereitet ihr Mühe, ihr Gleichgewicht zu halten. „Wollen sie sich bei mir anlehnen?“ sagt die zuständige
Pfl egerin, die Mundschutz trägt. Die Worte scheinen durch allen Mundschutz hindurch beim Gegenüber anzukommen. „Ja, gerne“, sagt Frau S. Sie, die lebenslang selbstständige und selbstbestimmte Frau, nimmt das Angebot gerne an. Mich als Seelsorger bittet sie, ein Lied zu singen: „Maria, breit den Mantel aus. Lass uns darunter sicher stehen, bis alle Stürm’ vorübergehen.“ Nach einiger Zeit äußert Frau S. den Wunsch, sich wieder hinzulegen. Mit einem tiefen Seufzer lässt sie sich ins Bett fallen.

Diese Begebenheit aus unserem Stationsalltag zeigt, wie wichtig Nähe, Berührung, Schutz, Sich-anlehnen Dürfen für Menschen gerade in der letzten Lebensphase ist. Und diese Sehnsucht ist in Zeiten von Corona, wo vieles auf Abstand geht, vieles dem Gebot der Vorsicht untergeordnet wird, meinem Erleben nach größer geworden. Für uns Mitarbeitende gilt es, immer wieder klug, kreativ und „g’spürig“ abzuwägen, was es gerade braucht.

Es gilt, heilsam die Spannung von Nähe-Geben und dem Einhalten berechtigter Schutzmaßnahmen zu leben: nicht in einem „Entweder oder“, sondern in einem „Sowohl-als-auch“. Das ergibt sich gerade aus der Hospiz-Palliativhaltung heraus, wo Zuwendung ein Schlüsselwort ist. Steril zu sterben, ohne jegliche Berührungen, ohne Kontakte – das kann es nicht sein.

Im Übrigen glaube ich: Wir sollten unsere ganze Energie nicht einseitig verschwenden nur in der Abwehr eines Virus, sondern auch im Blick haben, was unser Immunsystem stärkt. So bin ich dankbar für die Erkenntnis innerhalb der Tiroler Hospiz-Gemeinschaft, dass nicht alle Begegnungen, Fortbildungen, Gottesdienste abgesagt werden, sondern in einem „Sowohl-als-auch“ mit
gleichzeitigem Blick auf Schutzmaßnahmen kreativ entschieden wird, was es braucht, was notwendig, notwendend ist.

Gemeinschaftliche Begegnungen, Informations- und Bildungsveranstaltungen, kleine Feste im Alltag, besinnliche Momente, Gebete stärken uns. Und das „Sich-anlehnen-Dürfen“ auch.

Christian Sint, Seelsorger

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