Wer durch die Trauer wandert, wandelt sich.

6. November 2020 | von

Wenn ein naher Mensch stirbt, entsteht eine große Lücke. Was vermag zu trösten? Gedanken von Christian Sint im Rahmen der Gedenkfeier für Verstorbene der Tiroler Hospiz-Gemeinschaft. Bei dieser Feier wurde auch der TrauerRaum – vom 30. Oktober bis 2. November 2020 – in der Innsbrucker Jesuitenkirche eröffnet.

Kürzlich habe ich einen trauernden Angehörigen gefragt, was er sich von einem Seelsorger erwartet. Er sagte: „Wichtig ist mir, dass er mich tröstet und nicht vertröstet.“ Trösten meint jemanden Boden, Halt geben. Im Gegensatz dazu ist vertrösten: jemanden mit einer falschen Hoffnung hinhalten.

Trost- trösten: Ich denke, da gilt es in einem ersten Schritt die Wirklichkeit zu sehen, wie sie ist.

Dietrich Bonhoeffer, der evangelische Theologe hat einmal angesichts eines Trauerfalles einem Ehepaar aus seiner Berliner Gefängniszelle im Jahr 1943 einen Brief geschrieben: Es gibt nichts, was uns die Anwesenheit eines lieben Menschen ersetzen kann, und man soll das auch gar nicht versuchen; man muss es einfach aushalten und durchhalten; das klingt zunächst sehr hart, aber es ist doch zugleich ein großer Trost; denn indem die Lücke wirklich unausgefüllt bleibt, bleibt man durch sie miteinander verbunden. Es ist verkehrt, wenn man sagt, Gott füllt die Lücke aus; er füllt sie gar nicht aus, sondern er hält sie vielmehr gerade unausgefüllt, und hilft uns dadurch, unsere echte Gemeinschaft miteinander – wenn auch unter Schmerzen – zu bewahren.
Die Worte von Dietrich Bonhoeffer sprechen unverblümt die Wirklichkeit trauernder Menschen an. Ungeschminkt schreibt Bonhoeffer, der selbst viel durchgemacht hat, wie sich trauernde Menschen fühlen. Und Sie erleben und durchleben es vielleicht gerade selbst: Wenn ein naher Mensch stirbt, entsteht eine große Lücke. Diese lässt sich nicht schließen. Auf Aussagen wie: „Es wird schon wieder werden“ reagieren sie – zu Recht – allergisch. Es gibt wirklich nichts, was die Anwesenheit dieses Menschen ersetzen könnte. Kein Foto, kein Aufsuchen vertrauter, gemeinsamer Orte. Die Lücke ist da und sie lässt sich nicht schließen. Auch Gott – schreibt Bonhoeffer- füllt die Lücke nicht aus. Er hält sie vielmehr unausgefüllt, damit wir unsere Beziehung zum verlorenen Menschen aufrechterhalten. Das heißt: Die Lücke hilft uns, uns zu erinnern. Die Lücke hilft uns, miteinander in Verbindung zu bleiben.

Trost-trösten: Ich glaube, dass im langsamen Durchgehen dieser Leere, im Aushalten des Unausgefüllt seins, der Schmerz sich allmählich verwandelt. Wer durch die Trauer wandert, wandelt sich. Wer durch den Schmerz hindurch weitergeht verändert sich. Auch die Beziehung zu unseren nahen Verstorbenen wird anders. Die Lücke aber bleibt, bis an unser eigenes Lebensende.

Trost-trösten: Ich glaube, dass es an der Grenze von Leben und Sterben, im Tod, in der Trauer es notwendend ist Gott, die göttliche Dimension oder wie immer es genannt wird- nicht zu verschweigen. Jemand hat einmal gesagt: „Wir leben heute zwar länger, aber um eine Ewigkeit kürzer“. Mit „Ewigkeit“ meinten Menschen älterer Generationen, dass durch den Tod hindurch letztlich ewiges Leben auf uns wartet. So tut es gut, auch für uns Menschen des 21.Jahrhunderts an den Trostworten, an den Verheißungen Gottes, an den Worten aus der Offenbarung des Johannes sich festzuhalten. Dort heißt es: „Er wird alle Tränen von ihren Augen abwischen: Der Tod wird nicht mehr sein, keine Trauer, keine Klage, keine Mühsal.“ Ja, wir dürfen vertrauen, dass Gott alle Tränen in einen Krug sammelt, auch die aus Liebe, aus der Leere, aus der Sehnsucht geweinten Tränen und die vielen vergeblichen Tränen. Und dort wird sich auch die Lücke schließen, die wir ein Leben lang aushalten mussten. Daran glaube ich. Das ist zutiefst mein Trost, mein Boden, mein Halt. Und die Menschen, die am Hospiz, zu Hause oder anderswo sterben und die ich begleiten darf, bestärken mich darin, dass der Tod letztlich eine Geburt in ein neues Leben ist, und dass wir uns bei Gott ganz wiedersehen, miteinander leben, aufleben werden.

Christian Sint, Seelsorger

Die Fotos von Hubert Sint entstanden bei  einer Wanderung im ersten Oktoberschnee nach Hochgränten. Der österreichisch-ungarische Soldatenfriedhof Hochgränten (2.429 m) in den Karnischen Alpen (Gemeinde Kartitsch) ist der höchstgelegene Kriegerfriedhof in den Ostalpen.

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