Das Lebensende des hochbetagten Menschen – 6. Tiroler Palliativtag

11. April 2011 | von

Der 6. Tiroler Palliativtag am 9. April 2011 widmete sich dem Thema „Das Lebensende des hochbetagten Menschen – Palliative Care in der Geriatrie“. Dr. Elisabeth Medicus (Ärztliche Leiterin der Tiroler Hospiz-Gemeinschaft) wies in ihrer Begrüßungsrede darauf hin, dass durch den Fortschritt der Medizin immer mehr Menschen hochbetagt sind, wenn sie sterben. Sie beschrieb diese Entwicklung als neue und komplexe Herausforderung für die Palliative Care und die Hospizbewegung.

Dr. Heinz Rüegger referierte in seinem Eröffnungsvortrag zum Thema „Der alte Mensch zwischen Würdeanspruch und latenter Entwürdigung“. Unsere Gesellschaft hat mit dem Alter(n) ein Problem, darum versuchen viele, das Altwerden zu umgehen, zu verdrängen oder zu kaschieren. Die zentrale Herausforderung besteht darin, die auch im Alter grundsätzlich intakte, unverlierbare Würde anzuerkennen und zu respektieren durch die Art, wie wir vom Alter reden und mit alten Menschen umgehen. Die kritische Auseinandersetzung mit negativen Altersstereotypen ist für eine Gesellschaft des langen Lebens eine zentrale ethische Herausforderung.

Univ.-Prof. Dr. Monika Lechleitner (Ärztliche Direktion Landeskrankenhaus Hochzirl) sprach zum Thema „Die Würde des alten Menschen im medizinischen Alltag“. 20% der Patienten einer internistischen Notfallaufnahme sind über 80 Jahre alt. Bis zu 40% der Krankenhaustage sind durch über 80-jähige bedingt. In ihrem Vortrag betonte sie die Ethik als zentralen Punkt in der Geriatrie. Die Autonomie des/der PatientIn soll weitestmöglich erhalten bleiben auch bei zunehmender Einschränkung funktioneller und kognitiver Fähigkeiten.

Martin Geiler (Referatsleiter für Statistik und Berichtswesen im Stadtmagistrat Innsbruck) sprach über den demografischen Wandel und seinen Folgen: Seit den 1970er Jahren sind in den westlichen Industriestaaten demografische Prozesse im Gange, die zu einschneidenden Veränderungen in der Bevölkerungsstruktur geführt haben. Die Gesamtfertilitätsrate (Kinder pro Frau zwischen 15 und 45 Jahren) liegt bereits vier Jahrzehnte unter dem bestandserhaltenden Niveau von 2,1 Kinder pro Frau. 2009 wurde für Österreich der extrem niedrige Wert von 1,39 errechnet. Zugleich steigt die Lebenserwartung beständig an. So wird sich die Zahl der über 80-Järigen wegen des Aufrückens der geburtenstarken Jahrgänge bis 2050 verdreifachen und jene der über 95-jährigen Personen wird bis 2026 von 11 auf 45 Tausend wachsen. Gleichzeitig wird der Anteil der Menschen mittleren Alters, die Pflege leisten und Pflegekosten erwirtschaften, abnehmen.

Insbesondere der Vortrag zum demografischen Wandel in unserer Gesellschaft löste im Anschluss an die ersten drei Vorträge eine emotionale und angeregte Debatte aus.

Dr. Sabine Pleschberger (IFF Universität Klagenfurt) sprach über „Hospizidee und Palliative Care auf dem Weg in die Geriatrie“. Die Hilflosigkeit einer ganzen Gesellschaft im Umgang mit den Grenzen der modernen Medizin, aufgezeigt an Menschen mit einer Krebserkrankung, war in den 1960er Jahren Auslöser für die Entwicklung der Hospizidee. Erst in den letzten zehn Jahren trat die Gruppe der älteren Menschen in den Fokus von Palliative Care. Die Chancen aber auch die Grenzen der Palliative Care in der Geriatrie standen im Zentrum ihres Vortrags.

Dr. Markus Gosch (Oberarzt, Landeskrankenhaus Zirl) widmete sein Referat der Frage „Therapiebegrenzung: (k)ein Thema in der Geiatrie?“. Entscheidungen am Lebensende stehen im Spannungsfeld aus ethischen, medizinischen und rechtlichen Aspekten. Die zentrale Frage bleibt immer:  Wer entscheidet hier was mit welchem Recht?

Die Akteure bei der Betreuung eines sterbenden Menschen und ihr Beziehungsgeflecht. Im Zentrum aller Überlegungen steht immer der Patientenwille: „Niemand besitzt die Befugnis einen unwiderruflich Sterbenden gegen dessen Willen am Leben zu erhalten.“

Prim. Dr. Josef Marksteiner (Psychiatrisches Krankenhaus Hall) widmete sich dem Thema „Psychopharmakologische Betreuung“. Medikamentöse und nicht-medikamentöse Therapien können hochbetagten Menschen helfen, schwere psychische Krisen zu überwinden bzw. erleichtern. Die neuen Medikamente sind auch für den älteren Menschen, aufgrund der niedrigen Rate an Nebenwirkungen, gute Therapieoptionen.

Dr. Elisabeth Reitinger (IFF Universität Klagenfurt) referierte über die „Geschlechtersensible Pflege alter Frauen und Männer bis zuletzt“. Auch im hohen Alter ist es für eine gute Betreuung notwendig, die unterschiedlichen Geschlechterrollen und -muster wahrzunehmen und zu reflektieren.

In ihrem Abschlussvortrag sprach Dr. Elisabeth Medicus über das Thema „Vorausschauende Planung“. Das Lebensende alter Menschen ist oft gekennzeichnet durch eine krisenhafte Situation mit belastenden und bedrohlichen körperlichen Symptomen. Die Krise am Lebensende erfordert ein Vorgehen, das es dem schwer kranken Menschen ermöglicht, in der gewohnten Umgebung zu bleiben, und das die Betreuenden befähigt, die „Not“ wirkungsvoll zu lindern.

 

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