Sich selbst entsorgen?

10. Februar 2015 | von

sich selbst entsorgen

„Wir werden menschliches Leid durch die Möglichkeit der Selbsttötung nicht abschaffen,“ sagt Andreas Heller im Gespräch mit Maria Streli-Wolf

Andreas Heller und Reimer Gronemeyer, zwei profunde Kenner und Vordenker der Hospiz- und Palliativarbeit, hielten vergangenen November den Vortrag „In Ruhe Sterben. Was wir uns wünschen und was die moderne Medizin nicht leisten kann“ auf Einladung von Tiroler Hospiz- Gemeinschaft und Haus der Begegnung in Innsbruck.

Worin liegt Ihre grösste Sorge, wenn Sterbehilfe auch in Österreich legalisiert werden sollte?

Heller: Das wäre zu allererst ein dramatischer Kulturbruch. Wir haben ja unter den Nationalsozialisten gesehen, wohin die Tötung von Menschen, die nicht in unser System passen, führen kann. Und wir sehen an der aktuellen Entwicklung in den Beneluxländern, dass die Grenzen, unter welchen Umständen Sterbehilfe zugelassen wird, stets weiter werden. Denken Sie nur daran, dass in Belgien Sterbehilfe bei unheilbar kranken Kin­dern erst letztes Jahr erlaubt wurde.

Noch dazu leben wir in einer Zeit, die radikal wirtschaftlich orientiert ist. Oberste Maxime ist Wirtschaftswachstum. Der Druck auf den einzelnen Menschen wächst, sich selbst zu entsorgen. Die gesellschaftlichen Folgen eines „Selbstabschaffungsdrucks“ kann man sich vorstellen. Insgesamt werden viele Fragen unserer Zeit zu individualistisch beantwortet.

Was kann von Seiten der Gesellschaft getan werden, um diesen Selbstabschaffungsdruck gar nicht erst aufkeimen zu lassen?

Heller: Dafür bräuchte es keine kleine Revolution. Die Antwort kann mit Sicherheit nicht die sein, dass wir ausschließlich flächendeckende Palliativversorgung anbieten. Es braucht eine neue gesellschaftliche Solidarität. Ich verstehe darunter eine geteilte Sorge und Sorgekultur. Es ist ja eine himmelschreiende Ungerechtigkeit, dass die Sorge um kranke und alte Menschen nahezu ausschließlich weiblich ist. Wir brauchen eine größere Bereitschaft, sich solidarisch, beispielsweise in der Nachbarschaft, im Freundeskreis und der erweiterten Familie umeinander zu kümmern. Unser Pilotprojekt „Sorgende Gemeinde“ in Landeck gemeinsam mit der Tiroler Hospiz-Gemeinschaft gibt mir aber Hoffnung, weil es zeigt, wie sehr sich die Menschen für eine neue Solidarität begeistern lassen. Es macht Mut, dass ein Umkehrprozess hin zu einer Kultur des Miteinanders durchaus möglich ist.

grafik sterbehilfe

Uwe-Christian Arnold, Deutschlands bekanntester Sterbehelfer, sagte in einem Interview mit der deutschen Wochenzeitung „DIE ZEIT“: „Wer leiden will, soll leiden. Wer nicht leiden will, muss es nicht.“ Wie stehen Sie zu dieser Aussage?

Heller: Seit es menschliches Leben gibt, gibt es auch das Leid. Wir werden menschliches Leid durch die Möglicheit der Selbsttötung nicht abschaffen. Leid wird es immer geben. Es geht am Ende des Lebens natürlich immer darum, das Leid jedes einzelnen Menschen so gut wie möglich zu minimieren und Schmerzen mithilfe der Palliativmedizin zu bekämpfen. Wir wissen aber auch, dass wir nicht alles Leid und alle Schmerzen in den Griff bekommen. Hier geht es für mich persönlich auch darum, das Leid an sich anzunehmen und wieder in einer Kultur des Miteinanders mitfühlend zu teilen.

Ist unsere moderne Medizin Mitschuld am Wunsch nach Sterbehilfe?

Heller: Noch vor hundert Jahren sind die meisten Men­schen eines natürlichen Todes gestorben. Der enorme Fortschritt der Medizin, der ein großer Segen ist, hat auch seine Schattenseite. Wir sind heute in der Situation, dass wir am Ende des Lebens hoch komplexe medizinische Situationen haben. Weil die Medizin mit dem Tod aber noch immer nicht Frieden geschlossen hat, wird am Ende des Lebens häufig viel zu viel und sinnlos therapiert. Es bräuchte hier viel früher ehrliche Gespräche von Seiten der Ärztinnen und Ärzte mit den Kranken und ihren Angehörigen, was Sinn ergibt und was nicht.

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